Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Wolfgang [Eberhard Dietrich] Wirsig, Schriftsteller, Journalist

geb. 3.10.1922 (Jauer, heute Jawor, Polen) (vermutlich Mönchengladbach)

Zur Biografie

Zur Identität und zum Lebensweg von Wolfgang [Eberhard Dietrich] Wirsig haben sich bislang nur wenige Angaben ermitteln lassen. Für die Zeitschrift Humanitas schrieb Wirsig 1954 nur einen Beitrag. Im Jahr zuvor hatte er in der Frankfurter Eremiten-Presse einen schmalen Band unter dem Titel „Tanz der Marionetten“ vorgelegt.

Wolfgang Wirsig stammte gebürtig aus dem niederschlesischen Jauer (heute Jawor, Polen). Nach einem Studium der Philosophie leistete er als Soldat Kriegsdienst, bewegte sich nach eigenen Angaben aber spätestens ab 1943 im Umkreis des Regimegegners und Schriftstellers Ernst Wiechert (1887–1950). 1949 wohnte Wirsig in Göttingen und leistete im Rahmen des Internationalen Zivildienstes (IZD, heute: Service Civil International, SCI) Hilfe beim Bau von Siedlungshäusern für Flüchtlinge in Donaueschingen, und Anfang der 1950er Jahre war er Mitglied der Bremer Internationalen Freundschaftsloge (IFLO), in der er mit Sekretärsaufgaben betraut war. In dieser Zeit veröffentlichte er auch Gedichte und Glossen in der Schweizer „Homophilenzeitschrift“ Der Kreis und in Rolf Putzigers Der Weg (zu Freundschaft und Toleranz) (Hamburg), wohl unter (bislang unbekanntem) Pseudonym. Noch 2001 stand die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft kurzzeitig in Kontakt mit Wirsig und erhielt von ihm einen kurzen Erfahrungsbericht unter dem Titel „Erinnerungen an die Iflo“.

Anfang der 1960er Jahre wohnte Wolfgang Wirsig in Düsseldorf. Von hier aus trat er unter anderem als Schreiber eines Leserbriefs im Nachrichtenmagazin Der Spiegel hervor. Noch in dieser Zeit fühlte er sich mit dem Internationalen Zivildienst verbunden, wie aus einem seiner Beiträge hervorgeht, wenngleich er heftige Kritik an der damaligen „Ostpolitik“ des IZD übte. Er engagierte sich unter anderem in der Ostermarschbewegung und in der Außerparlamentarischen Opposition (APO). Spätestens in den 1980er Jahren lebte Wirsig dann in Mönchengladbach, wo er sich als Mitglied der Partei Die Grünen politisch betätigte, zeitweilig auch im Landesvorstand Nordrhein-Westfalen. Er war Gründer der Bundesarbeitsgemeinschaft „Mensch und Tier“ innerhalb der Partei und gab sich als entschiedener Gegner von sexuellen Beziehungen zwischen erwachsenen Männern und Minderjährigen sowie einer möglichen Absenkung der Schutzaltersgrenze zu erkennen.

Wohl in den 1990er Jahren ist Wolfgang Wirsig dann wieder aus der Partei Die Grünen ausgetreten, nach eigenen Angaben „wegen diffuser Linkstendenzen, illusionärer Asylpolitik [und] Vertriebenenmißachtung“. Sich selbst sah er zu dieser Zeit als Vertreter einer ideologiefreien „Politik der Vernunft“ an. Befreundet war Wirsig unter anderem mit dem französisch-deutschen Schriftsteller und Übersetzer Georges-Arthur Goldschmidt (geb. 1928), der ihm seine Erzählung Die Absonderung (1991) widmete.

Veröffentlichungen

Wirsig, Wolfgang (1953): Tanz der Marionetten. Frankfurt/Main: Eremiten-Presse.

Wirsig, Wolfgang (1954): Verstehen von Mensch zu Mensch, in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 8 (August), S. 244-245.

Wirsig, Wolfgang (1962): Leserbrief unter dem Schlagwort „Übergangslösung“ im Spiegel, online hier.

Wirsig, Wolfgang (1963): Unsere Freiheit verteidigen, in: Mitteilungen des Internationalen Zivildiensts, Deutscher Zweig des Service Civil International, Nr. 24 (Oktober/November), [S. 4-5].

[Wirsig, Wolfgang] (1985): Die Grünen in Nordrhein-Westfalen. Der Streit um die Pädophilie [Abdruck eines Referats von Wolfgang Wirsig], in: Du & Ich (Jg. 17), Nr. 6 (Juni), S. 18-20.

Wirsig, Wolfgang (1998): Nazivergangenheit, political correctness und Zuwanderung, in: Koschyk, Hartmut und Rolf Stolz (Hrsg.): 30 Jahre Zuwanderung. Eine kritische Bilanz. München: Olzog, S. 95-103.

Weiterführende Literatur

Beljan, Magdalena (2014): Rosa Zeiten? Eine Geschichte der Subjektivierung männlicher Homosexualität in den 1970er und 1980er Jahren in der BRD. Bielefeld: transcript, S. 136.

Goldschmidt, Georges-Arthur (1991): Die Absonderung. Erzählung. Zürich: Amman Verlag (später auch: Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch, 1993).

Pretzel, Andreas (2001): Berlin – „Vorposten im Kampf für die Gleichberechtigung der Homoeroten“. Die Geschichte der Gesellschaft für Reform des Sexualrechts e.V. 1948–1960 (Hefte des Schwulen Museums, 3). Berlin: Verlag rosa Winkel, S. 64.

Schwartz, Michael (2024): „Eine Schmach verschwindet“. Der lange Weg zur Beseitigung des Sonderstrafrechts für Homosexuelle in Deutschland 1968/69 bis 1989/94. Berlin: B & S Siebenhaar Verlag, S. 82, 86, online hier.

Weitere Archivalien

Wirsig, Wolfgang (2001): Erinnerung an die Iflo (unveröffentlichter Bericht im Archiv der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, 3 Seiten).