Benjamin J. Kouwer, Prof. Dr., Psychologe
Zur Biografie
Benjamin J. Kouwer studierte zunächst Chemie an der Universität in Utrecht, wechselte während des Zweiten Weltkriegs aber zum Utrechter Konservatorium und spezialisierte sich auf Musiktheorie, bevor er begann, Psychologie zu studieren. In der unmittelbaren Nachkriegszeit führte er dank eines französischen Stipendiums am Pariser „Institut de Biométrie“ statistische Untersuchungen durch. Anschließend legte er in Utrecht das Examen in Psychologie ab.
1949 promovierte Benjamin J. Kouwer mit einer Arbeit über Farben und ihren Charakter, und 1951 veröffentlichte er zusammen mit Johannes Linschoten (1925–1964) eine Einführung in die Psychologie.
1952 veröffentlichte Kouwer in der führenden Nederlands Tijdschrift voor de Psychologie en haar grensgebieden einen Artikel über in der Gesellschaft verbreitete Haltungen zur Homosexualität („Inversion“), den er selbst als eine „‚Entlarvung‘ des wackeligen Fundaments einer unserer menschlichen (gesellschaftlichen) Gewissheiten“ bezeichnete. Kouwer ging davon aus, dass die „Inversion“ niemals einen offiziell anerkannten Status „in unserem kulturellen System“ erlangen werde. Gesetzliche Verbote von einvernehmlichem homosexuellen Verkehr unter Erwachsenen seien jedoch durch nichts zu rechtfertigen, und die „staatliche Zensur“ homosexueller Äußerungen in Film, Literatur und dergleichen sei nicht hinzunehmen. Kouwer schloss seinen Artikel mit einem Plädoyer für „eine geringere Kontrolle der Gesellschaft über das Sexualleben in all seinen Aspekten“. Drei Jahre später veröffentliche Kouwer zusammen mit C. A. Rümke auch einen Artikel über „Die Typen des idealen Partners“ in der COC-Zeitschrift Vriendschap („Die Freundschaft“).
1955 wurde Benjamin J. Kouwer außerordentlicher Professor an der Universität in Groningen, und von 1955 bis 1960 war er zudem Direktor des Groninger Instituts für angewandte Psychologie und Psychotechnik. 1962 veröffentlichte er eine Übersetzung von Jean-Paul Sartres Studie Saint Genet. Comédien et martyr unter dem Titel „De heilige Genet“ („Der heilige Genet“). Ein Jahr später veröffentlichte er unter dem Titel „Het spel van de persoonlijkheid“ („Das Spiel von der Persönlichkeit“) ein Buch, das in den Niederlanden über Jahrzehnte als Standardwerk zur Persönlichkeitstheorie galt. In ihm vertrat Kouwer die These, dass es das „Selbst“ nicht gebe: „Schale um Schale scheint sich von unserer Persönlichkeit zu lösen. Jedes Mal kommt nur eine neue Scheinschicht zum Vorschein.“
Benjamin J. Kouwer starb im Herbst 1968 im Alter von 47 Jahren und wurde in aller Stille eingeäschert.
Ob Benjamin J. Kouwer seinen für den Pariser ICSE-Kongress geplanten Vortrag unter dem Titel „Philosophical and Religious Aspects of Sex and Morals“ wirklich gehalten hat, ist noch nicht geklärt. In einem in der Schweizer „Homophilenzeitschrift“ Der Kreis abgedruckten Kongressbericht von Niek Engelschman wird sein Name nicht erwähnt.
Weiterführende Literatur
[Anonym] (1955): Program of the Fourth International Congress for Sexual Equality, in: Periodical Newsletter, Nr. 7 (Oktober 1955), S. 1-3, online hier.
Engelschman, Niek (1955): Menschenrechte und Ursprung der Moral. Der 4. Kongress des I.C.S.E., in: Der Kreis (Jg. 23), Nr. 12, S. 20-21.
Kouwer, Benjamin J. (1952): De sociale waardering van de sexuele inversie, in: Nederlands Tijdschrift voor de Psychologie en haar grensgebieden (Jg. 7), S. 364-377; erneut abgedruckt in Kouwer, Ben. J. (1977): Persoon en existentie. Groningen/Utrecht: Wolters Noordhoof/Bijleveld, S. 22-34.
Kouwer, Benjamin J. und C. A. Rümke (1955): Typen van de ideale partner, in: Vriendschap (Jg. 10), Nr. 11, S. 237-238.
