Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Erwin Haarmann, Aktivist, Redakteur

geb. 15.4.1915 (Lüdenscheid) gest. 13.9.1972 (Hagen)

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Erwin Haarmann. Lüdenscheid: Photo-Huth, 1936. Theologisches Seminar St. Chrischona (tsc), Bettingen.
Erwin Haarmann wurde am 15. April 1915 als Sohn eines Galvaniseurs und dessen Ehefrau in Lüdenscheid (Sauerland) geboren. Offensichtlich war die Familie sehr religiös, so dass auch Erwin Haarmann 1937 in das Predigerseminar der freikirchlichen Pilgermissionsanstalt St. Chrischona in der Nähe des Schweizerischen Basel eintrat, um Missionar zu werden. Allerdings konnte er seine Ausbildung nicht bis zum Ende absolvieren. 1940 wurde er vermutlich auf Grund seiner Homosexualität vorzeitig aus dem Seminar entlassen. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wurde Haarmann zum Kriegsdienst eingezogen, aus dem er im Sommer 1941 aus gesundheitlichen Gründen wieder ausschied.

Von 1941 bis 1945 war Erwin Haarmann Abteilungsleiter in einem Lüdenscheider Gießereinunternehmen. Er beendete das Arbeitsverhältnis nach Kriegsende aber auf eigenen Wunsch und machte sich als Kaufmann selbstständig. Von seiner religiösen Grundeinstellung hatte er sich offenbar nicht gelöst. Haarmann wurde Mitglied der SPD und hielt 1947 einen Vortrag unter dem Titel „Christentum und Sozialismus“. Dessen Leitgedanken wurden wenig später auch veröffentlicht.

Anfang der 1950er Jahre wurde Erwin Haarmann in seiner Heimatstadt wegen gleichgeschlechtlicher Handlungen kriminalisiert. Im Zuge dessen zog er nach Hamburg, wo er ein umfangreiches Engagement im Rahmen der bundesdeutschen „Homophilenbewegung“ und im Kampf gegen den § 175 StGB entwickelte, der männliche Sexualkontakte mit Strafe belegte.

Haarmann ging eine besonders fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Verleger Christian Hansen Schmidt (1909–1962) ein, mit dem er offenbar auch zusammenwohnte. Die beiden übernahmen sukzessive zentrale Arbeitsbereiche der Bremer „Homophilenvereinigung“ Internationale Freundschaftsloge (IFLO) und verlegten sie nach Hamburg.

Die von Haarmann und Schmidt zu diesem Zweck etablierte Hamburger Gesellschaft für Menschenrechte (GfM) war zeitweise die führende deutsche „Homophilenorganisation“ der 1950er Jahre, auch wenn über die Zahl ihrer Mitglieder und ihr Aktivitätsniveau heute so gut wie keine Angaben vorliegen. Zentrales Betätigungsfeld und Sprachrohr der Organisation war die Zeitschrift Humanitas (1953–1955), die in einer finanziellen „Mischkalkulation“ durch ihr „Schwesterprojekt“, die Zeitschrift Hellas, ermöglicht und abgesichert wurde.

Die Gesellschaft für Menschenrechte verstand sich als eine parteipolitisch und religiös nicht gebundene „Vereinigung von demokratisch gesinnten Menschen, die sich für die Verwirklichung und Weiterentwicklung der Menschenrechte im öffentlichen und privaten Leben“ einsetzte. Sie forderte die „unbedingte Gleichbehandlung“ aller Menschen ohne Unterscheidung nach ihrer sozialen, nationalen, rassischen und geschlechtlichen „Herkunft, Zugehörigkeit und Einstellung“. Den heute einzig bekannten Teilen ihrer Satzung nach nannte sie die Worte „homosexuell“ oder „Homosexualität“ nicht, und insofern kann sie als ein für ihre Zeit typischer „Tarnverein“ verstanden werden.

Belegt ist, dass die Gesellschaft für Menschenrechte um 1954 mehrere Arbeitsgemeinschaften betrieb, so etwa eine theologische, eine juristisch-medizinische, eine pädagogische und eine literarisch-künstlerische. Mit medizinisch-juristischen Befragungen war zudem ein „Institut für soziologische Forschungen“ betraut, das der Gesellschaft für Menschenrechte angegliedert war und dessen Vorsitz der Jurist Botho Laserstein (1901–1955) übernahm.

Als Vorsitzender der Gesellschaft für Menschenrechte und Leiter des GfM-Sekretariats entwickelte Erwin Haarmann um 1954 eine ausgedehnte Reisetätigkeit, in deren Folge sich mehrere Gruppen von „Homophilen“ im gesamten Bundesgebiet der GfM anschlossen. Es bildeten sich sogenannte „Kreise“ in Städten wie Hamburg, Berlin, Essen, Hannover und Bremen.

Als Erwin Haarmann 1954 die im Jahr zuvor vom Landgericht Hagen gegen ihn verhängte Haftstrafe in Hamburg absitzen musste, kamen die beiden Zeitschriftenprojekte der GfM, Humanitas und Hellas, praktisch in Bedrängnis. Finanziell verschärft wurde die Krise auch durch Beschlagnahmungen und Verbotsanträge der Hamburger Staatsanwalt nach dem damals geltenden „Schmutz- und Schundgesetz“ gegen beide Zeitschriften. Wenig später wurde Erwin Haarmann als Vorsitzender der Gesellschaft für Menschenrechte durch Botho Laserstein abgelöst.

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Zeitgenössische Anzeige für das Hamburger Lokal „Bronzekeller“. Aus: Der Weg, 1954.
Noch während Erwin Haarmann und Christian Hansen Schmidt nach dem Selbstmord Lasersteins 1955 die GfM abwickelten, übernahmen sie das Hamburger „Szenelokal“ Bronzekeller in der Neustädter Straße 27-29, doch auch dieses Unterfangen konnte einen drohenden finanziellen Ruin der beiden nicht abwenden. Erwin Haarmann zog Anfang 1956 zunächst nach Amsterdam und 1959 dann nach Österreich, wo er als Chefredakteur einer Vierteljahreszeitschrift für modernes Reisen tätig wurde. Zeitweise arbeitete er auch als Redakteur der niederländischen Monatszeitschrift Aviatiek für „Internationale Luftfahrt in Wort und Bild“.

Erwin Haarmann galt als Redakteur und zentraler Macher der Hamburger Gesellschaft für Menschenrechte als unbequeme Persönlichkeit. Bei einigen seiner Weggefährten erhielt er den Beinamen „Diktator“, anderen galt er als „kämpferischer Typ“, den man zur Strecke bringen wollte. Offenbar war besonders der Aachener Literaturwissenschaftler Werner Schmitz (1919–1981), der in den 1950er Jahren unter dem Pseudonym „Larion Gyburc-Hall“ für etliche Zeitschriften der deutschen „Homophilenbewegung“ schrieb, Haarmann in Freundschaft zugetan.

Erwin Haarmann starb am 13. September 1972, unweit seiner Geburtsstadt Lüdenscheid, im westfälischen Hagen.

Veröffentlichungen

Haarmann, Erwin (1947): Christentum und Sozialismus. Leitgedanken aus dem Vortrag von Erwin Haarmann (Bildungsvorträge der Sozialdemokratischen Partei Lüdenscheid). Lüdenscheid: Sozialdemokratische Partei [8 Seiten].

Haarmann, Erwin (1953): Angst …, in: Humanitas (Jg. 1), Nr. 4 (Oktober), S. 5-6.

Haarmann, Erwin (1953): Strich und Trümmer, in: Humanitas (Jg. 1), Nr. 5 (November), [S. 6-8].

Ha[armann, Erwin] (1953): Operationsverbot, in: Humanitas (Jg. 1), Nr. 6 (Dezember), S. 13.

Haarmann, Erwin (1954): Die Würde der Menschennatur, in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 1 (Januar), S. 17-20.

Haarmann, Erwin (1954); Moral und Seele – eine Betrachtung über den Menschen unserer Zeit, in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 2 (Februar), S. 48-51.

Haarmann, Erwin (1954): Humanität und Toleranz, in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 3 (März), S. 74.

Haarmann, Erwin (1954): Der Weg zum Menschen, in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 6 (Juni), S. 179-181.

Haarmann, Erwin (1954): Die Menschenrechte sind unteilbar, in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 9 (September), S. 291.

Haarmann, Erwin (1954): 08/15 – und sein Fazit, in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 11 (November), S. 328-329.

Ha[armann, Erwin] (1954): Bilanz über ein Jahr Arbeit der GfM, in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 11 (November), S. 346-348.

Haarmann, Erwin (1955): Schuld und Mitschuld, in: Humanitas (Jg. 3), Nr. 1 (Januar), S. 383.

Haarmann, Erwin (1955): Helden-Leistung [Gedicht], in: Humanitas (Jg. 3), Nr. 2 (Februar), S. 414.

Weiterführende Literatur

Gyburc-Hall, Larion [d.i. Schmitz, Werner] (1954): Dein wahrer Freund. Erwin Haarmann in Freundschaft und Dankbarkeit, in: Hellas (Jg. 2), Nr. 4, S. 117-119.

Pretzel, Andreas. Hrsg. (2002): NS-Opfer unter Vorbehalt. Homosexuelle Männer in Berlin nach 1945 (Berliner Schriften zur Sexualwissenschaft und Sexualpolitik, 3). Münster, Hamburg, London: Lit, S. 325-327 und weitere.

Schlüter, Bastian, Karl-Heinz Steinle und Andreas Sternweiler (2009): Eberhardt Brucks. Ein Grafiker in Berlin. Berlin: Schwules Museum, hier S. 171-180.

Werres, Johannes (1954): Ein beachtliches Referat. Recht und Menschlichkeit [über einen Vortrag Erwin Haarmanns in Essen], in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 10 (Oktober), S. 309-311.

Werres, Johannes (1990): Als Aktivist der ersten Stunde. Meine Begegnungen mit homosexuellen Gruppen und Zeitschriften, in: Capri. Zeitschrift für schwule Geschichte (Jg. 3), Nr. 1, S. 33–51.

Wolfert, Raimund (2025): Erwin Haarmann (1915–1972). Annäherungen an einen „kämpferischen Typ“, den man zur Strecke bringen wollte, in: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Nr. 75/76, S. 78-103.