Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Jan Gay, Autorin, Aktivistin und Forscherin

geb. 14.2.1902 (Leipzig) gest. 12.9.1960 (San Rafael, Kalifornien, USA)

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Jan Gay, um 1930. Unbekannter Fotograf. Aus: Mecca Reitman Carpenter: No Regrets (1999).
Die amerikanische Autorin, Aktivistin und Forscherin Jan Gay hat Magnus Hirschfeld möglicherweise nie persönlich kennengelernt. Dennoch soll an dieser Stelle an Gay erinnert werden – auch um zu zeigen, wie die Leistungen und Verdienste von Frauen in der frühen Sexualreformbewegung oft von Männern unsichtbar gemacht wurden.

Jan Gay wurde am 14. Februar 1902 als Tochter des US-amerikanischen Arztes Ben Reitman (1879–1942) und dessen Frau May Schwartz in Leipzig geboren. Ihr Geburtsname war eigentlich Helen Reitman. Da der angehende Vater seine Frau noch vor der Geburt ihrer Tochter verließ, wurde Gay in Kinderheimen und von mehreren Verwandten der Mutter in den USA großgezogen.

Noch unter ihrem Geburtsnamen studierte Jan Gay Medizin an der Northwestern University in Evanston, Illinois, und entfaltete 1922 erste journalistische Tätigkeiten. Später trat sie auch als Übersetzerin in Erscheinung. Den Namen „Jan Gay“ nahm sie offiziell erst 1927 an, wobei bis heute darüber spekuliert wird, ob sie mit dem Nachnamen „Gay“ darauf anspielen wollte, dass sie selbst lesbisch war. Auch die Schriftstellerin Eleanor F. Byrnes (1901–1978), mit der Gay in New York eine mehrjährige Partnerschaft einging, wechselte später ihren Namen und nannte sich fortan Zhenya Gay. Zusammen schrieben die beiden Frauen Anfang der 1930er Jahre eine Reihe von erfolgreichen Kinderbüchern.

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Jan Gay und ihre Halbschwester Medina Gross. Unbekannter Fotograf, o.J. Mit freundlicher Genehmigung der Familie Reitman (USA).
Jan Gay ging im Frühjahr 1931 auf Vermittlung ihres Vaters, der kurz zuvor Magnus Hirschfeld in den USA getroffen hatte, nach Europa und absolvierte eine mehrwöchige Famulatur am Berliner Institut für Sexualwissenschaft. Hirschfeld selbst sollte, wie bekannt, von seiner Weltreise nie mehr nach Berlin zurückkehren.

1932 veröffentlichte Jan Gay ein mit zahlreichen Fotos und Zeichnungen ausgestattetes Buch unter dem Titel „On Going Naked“, in dem sie über ihre Erfahrungen mit dem Nudismus im Umfeld des Berliner Pädagogen und Sportlehrers Adolf Koch (1897–1970) berichtete. Das Buch diente auch als Vorlage für den Dokumentarfilm This Nude World (1932/33), für den Gay das Script geschrieben hatte.

Im Zuge ihres Aufenthaltes am Institut für Sexualwissenschaft entwickelte Gay ein tiefergehendes Interesse an Erhebungen mit vorgefertigten Fragebögen, um mit deren Hilfe Daten zur geschlechtlichen Identität und zum Sexualverhalten von Menschen ihrer Zeit zu erlangen. In den folgenden Jahren sammelte sie in Anlehnung an das Vorgehen Hirschfelds mehrere Hundert Interviews mit lesbischen Frauen in Europa und Nord-Amerika, vornehmlich in Berlin, Paris, Oxford und New York.

Da sie für eine Veröffentlichung ihrer Datensammlung auf weitergehende wissenschaftliche Expertise verweisen musste, gelangte sie an den Psychiater George W. Henry (1889 –1964), mit dem sie in den folgenden Jahren ihre Arbeit koordinierte. Als Henry jedoch 1941 die gemeinsamen Forschungsergebnisse in dem Buch Sex Variants: A Study of Homosexual Patterns veröffentlichte, tat er dies ausschließlich unter seinem Namen. Die Mitarbeit Gays verschwieg er weitgehend und erwähnte ihren Namen allenfalls in der Danksagung. Jan Gay zog sich daraufhin aus der wissenschaftlichen Forschung zurück.

Jan und Zhenya Gay trennten sich im Lauf der 1940er Jahre. Jan Gay ging daraufhin eine Beziehung mit der Tänzerin und Tanztherapeutin Franziska Boas (1902–1988) ein, die unter anderem 1927 Tanzunterricht bei Mary Wigman (1886–1973) in Dresden genommen hatte, und zog mit ihr zusammen. Um 1949 war der noch junge und unbekannte Andy Warhol (1928–1987) Untermieter der beiden Frauen, und die zwei führten ihn in die „queere“ Szene New Yorks ein.

Jan Gay starb am 12. September 1960 in San Rafael, Kalifornien. Sie war 58 Jahre alt geworden. Einem größeren Publikum wurde ihr Name erst in neuerer Zeit wieder ein Begriff, nachdem der Roman Blackouts (2023) des US-amerikanischen Schriftstellers Justin Torres erschienen war. In ihm spielen Jan Gay und die Sex Variants Study eine zentrale Rolle.

Veröffentlichungen

Gay, Jan (1932): On Going Naked. New York: Garden City Publishing [auch London: Noel Douglas,1933, und als Andando desnudos. Buenos Aires: Atalaya, 1996].

Weiterführende Literatur

Anonym (1960): Jan Gay Is Dead at 58, in: New York Times vom 13. September 1960, S. 37.

Carpenter, Mecca Reitman (1999): No regrets. Dr. Ben Reitman and the Women Who Loved Him. A Biographical Memoir. Lexington, Massachusetts: SouthSide Press.

Gopnik, Blake (2020): Warhol. New York: Ecco Press, S. 263-264, 269.

Henry, George William (1941): Sex Variants. A Study of Homosexual Patterns with Sections Contributed by Specialists in Particular Fields. New York: Paul B. Hoeber.

Merrill, Frances and Mason (1931): Among the Nudists. The sincere experiences of a young American couple in the Nudist Centers of Europe. Philadelphia: Progressive Publishing Company.

Mildenberger, Florian G. (2026): Ende ohne Anfang. Magnus Hirschfelds Lehre und Mitarbeiter nach 1933. Baden-Baden: Deutscher Wissenschafts-Verlag (DWV), S. 105-108.

Ryan, Hugh (2019): When Brooklyn Was Queer. New York: St. Martin’s Press, S. 166.

Torres, Justin (2023): Blackouts (A Novel). London, New York: Granta [auf Deutsch / aus dem Amerikanischen von Stephan Kleiner. Berlin: park x ullstein, 2025].

Waters, Michael (2022): Jan Gay. The Lesbian Sex Researcher That History Forgot, in: Harper’s Bazaar vom 2. März 2022, online auch auf OutHistory [January 8, 2024].