Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Leo Clasen, ehemaliger Häftling im KZ Sachsenhausen

geb. 26.6.1906 (Neumünster) gest. 1972 (vermutlich Flensburg)

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Leo Clasen, um 1947 (beschädigte Bildvorlage korrigiert). Archiv der VVN-BdA Hamburg, Komitee ehemaliger politischer Gefangener.
Leo Clasen wurde am 26. Juni 1906 in Neumünster geboren und besuchte nach der Volksschule in seiner Heimatstadt das Gymnasium (Holstenschule), das er um 1930 mit dem Abitur abschloss. Anschließend arbeitete er unter anderem als Steward auf Handelsschiffen, immatrikulierte sich dann aber an den Universitäten in Tübingen und Kiel, um Medizin zu studieren. Das 2. Staatsexamen legte er 1936 ab. Auch danach ging er zeitweise wieder zur See. Ein Grund hierfür war offenbar, dass Clasen im Zuge eines Disziplinarverfahrens nach seiner ersten Verhaftung nach § 175 RStGB vom Hochschulstudium ausgeschlossen worden war, indem seine Immatrikulation widerrufen wurde. Seine Ausbildung zum Arzt konnte er deshalb nicht regulär abschließen.

Wegen homosexueller Handlungen, die im nationalsozialistischen Deutschland mit Strafe belegt waren, wurde Leo Clasen ab 1936 mehrfach nach § 175 RStGB zu Haftstrafen verurteilt, zunächst vom Amtsgericht Hamburg (1936), dann vom Landgericht Kiel (1937) und schließlich erneut vom Amtsgericht Hamburg (1940). Die zuletzt verhängte Strafe von 15 Monaten Gefängnis unter Anrechnung von 4 Monaten Untersuchungshaft verbüßte er als sogenannter „B/Ver“ („Berufsverbrecher“) zunächst in der Strafanstalt Hamburg Fuhlsbüttel und im Emslandlager Neusustrum (Lager V). Im Februar 1941 wurde er in das KZ Sachsenhausen überstellt, wo er bis Mai 1945 inhaftiert war (Häftlingsnummer 36 051). Nach eigenen Angaben trug er dabei einen roten und einen rosa Winkel.

Weil Clasen zehn Semester Medizin studiert hatte, wurde er im KZ Sachsenhausen ab Anfang 1943 als Pfleger bzw. „Häftlingsarzt“ im Krankenbau eingesetzt, in dem unter anderem Häftlinge mit Ruhr, Fleckfieber und Tuberkulose lagen.

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Spanische Buchausgabe von Leo Clasens Erinnerungen, 2021.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Clasen wegen homosexueller Handlungen erneut festgenommen. So saß er vom 21. bis zum 27. November 1946 in Hamburg in Untersuchungshaft ein. Ab 1954 veröffentlichte Clasen unter dem Pseudonym „L. D. Classen von Neudegg“ in der Hamburger „Homophilenzeitschrift“ Humanitas einen siebenteiligen Erfahrungsbericht, in dem er den Lageralltag und die Misshandlungen von Homosexuellen im KZ Sachsenhausen – unter anderem in Form von medizinischen Menschenversuchen – beschrieb. Es handelte sich um eines der ersten schriftlichen Zeugnisse über die Erfahrungen sogenannter „Rosa-Winkel-Häftlinge“ während des „Dritten Reichs“. 1984 wurden die Texte Clasens unter dem Titel „Rosa Winkel. Schwule im KZ. Quälende Erinnerungen“ auszugsweise erneut veröffentlicht. 2021 erschienen sie, abgesehen von dem abschließenden „Rückblick in die Nacht“, auch in spanischer Übersetzung.

Leo Clasen wurde am 2. Februar 1947 vom Komitee ehemaliger politischer Gefangener als Mitglied in die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) aufgenommen (hier mit dem Geburtsdatum: 26.6.1909), doch wurde sein Mitgliedsausweis bereits wenige Monate später wieder eingezogen. Clasens Vorstrafen wegen „Vergehen nach § 175 und Zersetzung der Wehrkraft“ galten der VVN als „nicht tragbar“.

Leo Clasen veröffentlichte 1953 und 1954 auch Erzählungen und Gedichte in Zeitschriften wie Dein Freund und Hellas. In der Nachkriegszeit konnte er offenbar auch sein Anfang der 1930er Jahre begonnenes Medizinstudium wiederaufnehmen bzw. das dritte Staatsexamen ablegen und die ärztliche Approbation erlangen. Nach 1945 trat er als „Dr. med. Leo Clasen“ in Erscheinung. Leo Clasen starb 1972 vermutlich in Flensburg.

Veröffentlichungen

Clasen, Leo (1982): „Herzlich willkommen“. Ein Bericht aus der Strafkompanie des Klinkerwerkes Sachsenhausen, in: Der Appell. Mitteilungsblatt der ehemaligen Häftlinge, deren Angehörigen und Hinterbliebenen der Konzentrationslager Oranienburg, Sachsenhausen und der Ursprungs- und Nebenlager, Nr. 98 (Dezember), S. 3-4.

Classen von Neudegg, L. D. [d.i. Clasen, Leo] (1954): Die Dornenkrone. Ein Tatsachenbericht aus der Strafkompanie Sachsenhausen (Schicksale), in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 2 (Februar), S. 58-60.

Classen von Neudegg, L. D. [d.i. Clasen, Leo] (1954): Betrachtung … zum Menschen, in: Dein Freund. Zeitschrift für Freundschaft und Verständigung (Jg. 1), Nr. 1 (März), S. 6-7.

Classen [von] Neudegg, L. D. [d.i. Clasen, Leo] (1954): Ein Blick zurück … (Schicksale), in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 3 (März), S. 85-86.

Classen von Neudegg, L. D. [d.i. Clasen, Leo] (1954): Aus meinem Tagebuch 1939–1945: KZ Oranienburg, in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 5 (Mai), S. 163-164.

Classen von Neudegg, L. D. [d.i. Clasen, Leo] (1954): Versuchsobjekt Mensch. Aus meinem Tagebuch 1939 bis 1945 (KZ Oranienburg), in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 7 (Juli), S. 225.

Classen von Neudegg, L. D. [d.i. Clasen, Leo] (1954): Ecce homo – oder Tore zur Hölle. Aus meinem KZ-Tagebuch, in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 12 (Dezember), S. 359-360.

Classen von Neudegg, L. D. [d.i. Clasen, Leo] (1955): Aus meinem KZ-Tagebuch, in: Humanitas (Jg. 3), Nr. 1 (Januar), S. 385-386.

Classen von Neudegg, L. D. [d.i. Clasen, Leo] (1955): Rückblick in die Nacht. Aus meinem KZ-Tagebuch, in: Humanitas (Jg. 3), Nr. 2 (Februar), S. 428-429.

Classen von Neudegg, L. D. [d.i. Clasen, Leo] (1984): Rosa Winkel. Schwule im KZ. Quälende Erinnerungen. In: Fassbinder, Egmont (Hrsg.): Klappentexte. Sterben (Klappentexte, 4). Berlin: Verlag rosa Winkel, S. 17-19 [Nachdruck aus Humanitas, 1954/55].

Neudegg, L. C. v. [d.i. Clasen, Leo] (1953): Die Vermählung zu Altis, in: Hellas (Jg. 1), Nr. 3 (Dezember), S. 90-92.

Neudegg, L. C. v. [d.i. Clasen, Leo] (1954): Lucius und Luca, in: Hellas (Jg. 2), Nr. 3 (März), S. 85-86.

Neudegg, L. C. v. [d.i. Clasen, Leo] (1954): Tonatiuh. Eine indianische Erzählung, in: Hellas (Jg. 2), Nr. 4 (April), S. 120-122.

Neudegg, L. C. von [d.i. Clasen, Leo] (1954): Die „Dame“ mit dem Zeichen: Th! Eine heitere Geschichte, in: Hellas (Jg. 2), Nr. 4 (April), S. 130-131.

Neudegg, L. C. von [d.i. Clasen, Leo] (1954): Kleiner Reisebrief aus Paris, in: Hellas (Jg. 2), Nr. 5 (Mai), S. 155-158.

Neudegg, L. C. von [d.i. Clasen, Leo] (1954): Daß wir uns trafen [Gedicht], in: Hellas (Jg. 2), Nr. 5 (Mai), S. 172.

Neudegg, L. C. von [d.i. Clasen, Leo] (1954): Der sterbende Soldat, in: Hellas (Jg. 2), Nr. 6 (Juni), S. 201-203.

Weiterführende Literatur

Braas, Konstantin und Fabian Zurstraßen (2026): Vertriebene Studierende. Intersektionale Verfolgungsgeschichten studentischer NS-Opfer der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, online hier.

Hergemöller, Bernd-Ulrich (2010): Clasen, Leo („Classen von Neudegg, Leo D.“), in: ders. (Hrsg.): Mann für Mann. Biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und mannmännlicher Sexualität im deutschen Sprachraum (Bd. 1). Berlin/Münster: Lit, S. 237.

Lorenz, Gottfried (2013). Töv, di schiet ik an. Beiträge zur Hamburger Schwulengeschichte (Gender-Diskussion, 20). Berlin: Lit, S. 346-347.

Müller, Joachim und Andreas Sternweiler (2000): Homosexuelle Männer im KZ Sachsenhausen. Hgg. vom Schwulen Museum Berlin. Berlin: Verlag rosa Winkel.

Niere, Angelika (2021): Homosexualität in der Holocaustliteratur (Gießener Arbeiten zur neueren deutschen Literatur und Literaturwissenschaft, 37). Berlin, Bern, Wien: Peter Lang.

Steinle, Karl-Heinz (1998): Die Geschichte der Kameradschaft die runde 1950 bis 1969 (Hefte des Schwulen Museums, 1). Berlin: Verlag rosa Winkel, S. 12-13.

Valdivia Biedma, Carlos. Hrsg. (2021): Y Leo Classen habló. Primer testimonio de un triángulo rosa. Madrid/Barcelona: Egales.

Zastrau, Eberhard (2007): Funktionshäftlinge mit dem rosa Winkel im Krankenrevier (Rede aus Anlass des 62. Jahrestages der Befreiung des KZ Sachsenhausen am 22. April 2007), online hier.