Am 16. April 1919 erwarb Magnus Hirschfeld die „Villa Joachim“ In den Zelten 10 / Ecke Beethovenstraße 3, die 1871/72 von dem Architekten Robert Lorenz (1820–1886) nach Plänen von Richard Lucae (1829–1877) errichtet worden war. Ihr erster Eigentümer war der Violinist und Komponist Joseph Joachim (1831–1907). Der Preis für das Gebäude und das Grundstück betrug 410.000 Mark, die Hirschfeld teils in bar, teils in Form von Hypotheken aufbrachte. 1921 erwarb er auch das Nachbargrundstück mit dem auf ihm befindlichen Mietshaus. Damit hatte er sein gesamtes Vermögen in den beiden Immobilien angelegt.
Das Institut für Sexualwissenschaft, seine Ausstattung und sein Personal
Der Institutsarzt Felix Abraham berät einen männlichen Transvestiten. Aus: Das Kriminalmagazin 1929 (Jg. 1), Nr. 5. Neben Magnus Hirschfeld und seinem Lebensgefährten Karl Giese (1898–1938), an den vor dem heutigen Haus der Kulturen der Welt ein Stolperstein erinnert, wohnte auch der Arzt Felix Abraham (1901–1937) im Institut für Sexualwissenschaft. Er übernahm im Frühjahr 1929 als selbstständiger Teilhaber des Instituts die Leitung der „Abteilung für sexualforensische Fälle und Triebabweichungen“. Hierzu wurden ihm ein eigenes Sprechzimmer und ein Wohn- und Schlafzimmer im Haus zur Verfügung gestellt. Der Vertrag, der auf vier Jahre befristet war, wurde im Vorfeld seines Auslaufens 1933 allerdings nicht von Hirschfeld verlängert – unbekannt ist, aus welchen Gründen. Nachdem das Institut für Sexualwissenschaft am 6. Mai 1933 von den Nazis geplündert und wenige Tage später große Teile des Buch- und Zeitschriftenbestandes aus der Institutsbibliothek auf dem Berliner Opernplatz verbrannt worden waren, praktizierte Felix Abraham zunächst in Berlin-Charlottenburg. Später versuchte er, nach Schweden zu emigrieren, was ihm allerdings nicht gelang. Sein in Stockholm gestellter Antrag auf Aufenthaltsgenehmigung wurde ohne weitere Erklärungen abgelehnt. Felix Abraham nahm sich am 8. September 1937 in Florenz das Leben.
Karl Giese führt durch das Institut für Sexualwissenschaft. Aus: Die Aufklärung 1929 (Jg. 1), Nr. 5. Magnus Hirschfelds Lebensgefährte Karl Giese war zunächst als Hirschfelds Sekretär und später dann als Leiter des Archivs und der Bibliothek im Institut für Sexualwissenschaft tätig. Er führte öffentliche Führungen durch und war mit dem professionellen Netzwerk Magnus Hirschfelds gut vertraut. Gegen sein Lebensende schrieb Hirschfeld, Giese sei nach wie vor „der beste Kenner [s]einer Ziele und Werke.“ Als sich Hirschfeld 1931 auf eine Weltreise begab, von der er nie wieder nach Deutschland zurückkehren sollte, blieb Giese als sein Sachwalter und Interessenvertrreter in Deutschland zurück. In dieser Funktion erlebte er am 6. Mai 1933 die Plünderung des Instituts für Sexualwissenschaft, die den Auftakt für die öffentliche Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz vier Tage später werden sollte. Doch schon einen Tag nach der Plünderung des Instituts verließ Giese fluchtartig die Stadt und reiste nach Ascona in der Schweiz, wo Hirschfeld seit einigen Monaten zusammen mit seinem neuen Lebensgefährten Li Shiu Tong (genannt Tao Li, 1907–1993), lebte. 1936, ein Jahr nach Hirschfelds Tod, zog Karl Giese (erneut) nach Brno in der damaligen Tschechoslowakei, wo er sich am 16. März 1938, wenige Tage vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in das Land, das Leben nahm.
Anonym (1929): 10 Jahre Magnus Hirschfeld-Stiftung, in: Das Kriminal-Magazin (Jg. 1), Nr. 5, S. 50-55.
Dose, Ralf (2005): Magnus Hirschfeld. Deutscher – Jude – Weltbürger (Jüdische Miniaturen, 15). Teetz: Hentrich & Hentrich.
Dose, Ralf (2021): Haus-, medizinisches und Verwaltungspersonal des Instituts für Sexualwissenschaft, in: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft Nr. 67, S. 9-32.
Goertzen, Valerie Woodring and Robert Whitehouse Eshbach (2021): The Creative Worlds of Joseph Joachim. Woodbridge / Rochester: The Boydell Press.
Herrn, Rainer (2022): Der Liebe und dem Leid. Das Institut für Sexualwissenschaft 1919–1933. Berlin: Suhrkamp.
Herzer, Manfred (2017): Magnus Hirschfeld und seine Zeit. Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg.
Isherwood, Christopher (1976): Christopher and His Kind 1929–1939. London: Eyre Methuen Ltd. [auf Deutsch: Isherwood, Christopher (1992): Christopher und die Seinen. Aus dem Englischen von Stefan Trossbach. Berlin: Bruno Gmünder].
Ripa, Alexandra (2004): Hirschfeld privat. Seine Haushälterin erinnert sich, in: Kotowski, Elke-Vera und Julius H. Schoeps (Hrsg.): Magnus Hirschfeld. Ein Leben im Spannungsfeld von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft (Sifria. Wissenschaftliche Bibliothek, 8). Berlin: be.bra wissenschaft, S. 65-70.
Wolfert, Raimund (2000): Eric Thorsell. Ein schwedischer Arbeiter am Institut für Sexualwissenschaft, in: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft Nr. 31/32, S. 11-26.
Wolfert, Raimund (2021): Vom Aufbau einer Sammlung. Betrachtungen zum Bestand der frühen WhK-Bibliothek, in: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie (Jg. 68), Nr. 2, S. 83-96.
Wolfert, Raimund und Hans Soetaert [2016]: Karl Giese, auf: stolpersteine-berlin.de, zuletzt eingesehen am 30. April 2026.