Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

In den Zelten 10 / Beethovenstraße 3

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Das Institut für Sexualwissenschaft, hist. Postkarte, ungelaufen. © MHG, Berlin.

Am 16. April 1919 erwarb Magnus Hirschfeld die „Villa Joachim“ In den Zelten 10 / Ecke Beethovenstraße 3, die 1871/72 von dem Architekten Robert Lorenz (1820–1886) nach Plänen von Richard Lucae (1829–1877) errichtet worden war. Ihr erster Eigentümer war der Violinist und Komponist Joseph Joachim (1831–1907). Der Preis für das Gebäude und das Grundstück betrug 410.000 Mark, die Hirschfeld teils in bar, teils in Form von Hypotheken aufbrachte. 1921 erwarb er auch das Nachbargrundstück mit dem auf ihm befindlichen Mietshaus. Damit hatte er sein gesamtes Vermögen in den beiden Immobilien angelegt.

Das Institut für Sexualwissenschaft, seine Ausstattung und sein Personal

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Das Institut für Sexualwissenschaft, Modell im Schwulen Museum Berlin. © Rafael Nasemann, 2024.
Vor allem in den ersten Jahren seines Bestehens war das Institut für Sexualwissenschaft ein Ort akademischer Forschung und Ausbildung. Hier boten die leitenden Ärzte Seminare für Studenten an, führten Forschungen durch und bereiteten ihre Publikationen in wissenschaftlichen Zeitschriften und Büchern vor. Darüber hinaus wurden im Institut Patienten medizinisch betreut. Dabei standen zunächst – bedingt auch durch die Folgen des Ersten Weltkriegs – Geschlechtskrankheiten im Vordergrund. Später kamen Patienten und Patientinnen mit Hormonstörungen und/oder dem Wunsch nach geschlechtsangleichenden Maßnahmen hinzu. Befördert wurde diese Arbeit auch durch das Angebot an Beratung und Aufklärung der Allgemeinheit. Hier konnten Besucher nicht nur Vorträgen folgen, sich einer Institutsfühung anschließen, Broschüren erwerben oder die Bibliothek des Instituts benutzen, sondern es gab im vierzehntägigen Rhythmus auch öffentliche Frageabende, bei denen die Ärzte des Hauses zu allen vorgebrachten Aspekten der Sexualität Rede und Antwort standen. Das Institut verfügte im Dachgeschoss auch über fünf Gäste- und Patientenzimmer.

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Die Räume des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK) im Institut für Sexualwissenschaft. Unbekannter Fotograf, 1920. © MHG, Berlin.
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Grundriss der Villa Joachim, Berlin. Aus: Architektonisches Skizzenbuch, 1875.
Während sich in den Beschreibungen des Instituts für Sexualwissenschaft Christopher Isherwoods (1904–1986), der von November 1929 bis Oktober 1930 im Nachbargebäude wohnte, deutliche Spuren von Verlegenheit und Abwehrverhalten finden, berichtete der Schwede Eric Thorsell (1898–1980) eher nüchtern registrierend und wohlwollend von seinen Beobachtungen, nachdem er das Institut 1932 zum ersten Mal besucht hatte: „In den Sammlungen des Instituts gab es alle möglichen Gegenstände, die Hirschfeld zusammengetragen hatte, um verschiedene Seiten des Sexuallebens zu beleuchten. In einem Raum gab es Sachen, wie man sie in Bordellen gefunden hatte. In einem anderen gab es verschiedene Werkzeuge für Sadisten und Masochisten: Peitschen und ein ‚Folterkreuz‘, also ein Kreuz, an dem die sich aufhängen ließen, die gepeitscht und gefoltert werden sollten. […] In einem anderen Raum gab es Sachen aus Japan. Große Lampenschirme mit erotischen Motiven und eine Sammlung mit Hochzeitsgeschenken, wie die Männer sie ihren Frauen gemacht hatten. U.a. Attrappen riesiger männlicher Geschlechtsorgane aus Zelluloid. Dann gab es noch eine Sammlung mit erotischen Zeichnungen und Bildern, auch sie stammte aus Japan. Unser Führer erzählte, die Zöllner hätten großen Spaß gehabt, als sie die Pakete aus Japan auspackten.“

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Der Institutsarzt Felix Abraham berät einen männlichen Transvestiten. Aus: Das Kriminalmagazin 1929 (Jg. 1), Nr. 5.
Neben Magnus Hirschfeld und seinem Lebensgefährten Karl Giese (1898–1938), an den vor dem heutigen Haus der Kulturen der Welt ein Stolperstein erinnert, wohnte auch der Arzt Felix Abraham (1901–1937) im Institut für Sexualwissenschaft. Er übernahm im Frühjahr 1929 als selbstständiger Teilhaber des Instituts die Leitung der „Abteilung für sexualforensische Fälle und Triebabweichungen“. Hierzu wurden ihm ein eigenes Sprechzimmer und ein Wohn- und Schlafzimmer im Haus zur Verfügung gestellt. Der Vertrag, der auf vier Jahre befristet war, wurde im Vorfeld seines Auslaufens 1933 allerdings nicht von Hirschfeld verlängert – unbekannt ist, aus welchen Gründen. Nachdem das Institut für Sexualwissenschaft am 6. Mai 1933 von den Nazis geplündert und wenige Tage später große Teile des Buch- und Zeitschriftenbestandes aus der Institutsbibliothek auf dem Berliner Opernplatz verbrannt worden waren, praktizierte Felix Abraham zunächst in Berlin-Charlottenburg. Später versuchte er, nach Schweden zu emigrieren, was ihm allerdings nicht gelang. Sein in Stockholm gestellter Antrag auf Aufenthaltsgenehmigung wurde ohne weitere Erklärungen abgelehnt. Felix Abraham nahm sich am 8. September 1937 in Florenz das Leben.

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Karl Giese führt durch das Institut für Sexualwissenschaft. Aus: Die Aufklärung 1929 (Jg. 1), Nr. 5.
Magnus Hirschfelds Lebensgefährte Karl Giese war zunächst als Hirschfelds Sekretär und später dann als Leiter des Archivs und der Bibliothek im Institut für Sexualwissenschaft tätig. Er führte öffentliche Führungen durch und war mit dem professionellen Netzwerk Magnus Hirschfelds gut vertraut. Gegen sein Lebensende schrieb Hirschfeld, Giese sei nach wie vor „der beste Kenner [s]einer Ziele und Werke.“ Als sich Hirschfeld 1931 auf eine Weltreise begab, von der er nie wieder nach Deutschland zurückkehren sollte, blieb Giese als sein Sachwalter und Interessenvertrreter in Deutschland zurück. In dieser Funktion erlebte er am 6. Mai 1933 die Plünderung des Instituts für Sexualwissenschaft, die den Auftakt für die öffentliche Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz vier Tage später werden sollte. Doch schon einen Tag nach der Plünderung des Instituts verließ Giese fluchtartig die Stadt und reiste nach Ascona in der Schweiz, wo Hirschfeld seit einigen Monaten zusammen mit seinem neuen Lebensgefährten Li Shiu Tong (genannt Tao Li, 1907–1993), lebte. 1936, ein Jahr nach Hirschfelds Tod, zog Karl Giese (erneut) nach Brno in der damaligen Tschechoslowakei, wo er sich am 16. März 1938, wenige Tage vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in das Land, das Leben nahm.

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Adelheid Schulz am Modell des Instituts für Sexualwissenschaft. © Manfred Baumgardt, 2002.
Neben Hirschfeld, Giese und Abraham waren um 1933 auch die Wirtschafterin Hinrike Friedrichs (1872–1938), die insgesamt 26 Jahre für Hirschfeld tätig war, der Verwaltungsleiter Friedrich Hauptstein und der Hausmeister Erich Wenslaff unter der Adresse In den Zelten 10 / Beethovenstraße 3 gemeldet. Hirschfelds Haushälterin ab 1928 war Adelheid Rennhack (später verh. Schulz, 1909–2008). Schulz musste im Laufe der Jahre innerhalb des Instituts fünfmal umziehen. Ganz zuletzt wohnte sie im früheren Labor des Dermatologen Bernhard Schapiro (1885–1966) im zweiten Stock mit Blick auf den Hof – das Zimmer hatte den Vorteil eines Wasser- und Gasanschlusses. Sie erhielt neben Kost und Logis 30 Mark monatlich als Lohn, ihre Arbeitszeit lief von 7 bis 18 Uhr.


Weiterführende Literatur

Anonym (1929): 10 Jahre Magnus Hirschfeld-Stiftung, in: Das Kriminal-Magazin (Jg. 1), Nr. 5, S. 50-55.

Dose, Ralf (2005): Magnus Hirschfeld. Deutscher – Jude – Weltbürger (Jüdische Miniaturen, 15). Teetz: Hentrich & Hentrich.

Dose, Ralf (2021): Haus-, medizinisches und Verwaltungspersonal des Instituts für Sexualwissenschaft, in: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft Nr. 67, S. 9-32.

Eshbach, Robert Whitehouse (2014): Villa Joachim, Berlin, auf Joseph Joachim ~ biography and research.

Goertzen, Valerie Woodring and Robert Whitehouse Eshbach (2021): The Creative Worlds of Joseph Joachim. Woodbridge / Rochester: The Boydell Press.

Herrn, Rainer (2022): Der Liebe und dem Leid. Das Institut für Sexualwissenschaft 1919–1933. Berlin: Suhrkamp.

Herzer, Manfred (2017): Magnus Hirschfeld und seine Zeit. Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg.

Isherwood, Christopher (1976): Christopher and His Kind 1929–1939. London: Eyre Methuen Ltd. [auf Deutsch: Isherwood, Christopher (1992): Christopher und die Seinen. Aus dem Englischen von Stefan Trossbach. Berlin: Bruno Gmünder].

Ripa, Alexandra (2004): Hirschfeld privat. Seine Haushälterin erinnert sich, in: Kotowski, Elke-Vera und Julius H. Schoeps (Hrsg.): Magnus Hirschfeld. Ein Leben im Spannungsfeld von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft (Sifria. Wissenschaftliche Bibliothek, 8). Berlin: be.bra wissenschaft, S. 65-70.

Wolfert, Raimund (2000): Eric Thorsell. Ein schwedischer Arbeiter am Institut für Sexualwissenschaft, in: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft Nr. 31/32, S. 11-26.

Wolfert, Raimund (2021): Vom Aufbau einer Sammlung. Betrachtungen zum Bestand der frühen WhK-Bibliothek, in: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie (Jg. 68), Nr. 2, S. 83-96.

Wolfert, Raimund und Hans Soetaert [2016]: Karl Giese, auf: stolpersteine-berlin.de, zuletzt eingesehen am 30. April 2026.