Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

In den Zelten 9a und 10

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Die beiden Häuser In den Zelten 9a und 10, zeitgenössische Grafik. © MHG, Berlin.

Das Haus In den Zelten 9a wurde – ebenso wie das benachbarte Haus In den Zelten 9 – 1880 von dem Zimmermeister Ernst Müller aus dem Wedding erbaut. Von 1896 bis 1912 befand es sich im Eigentum der Witwe Olga Löwenherz (geb. Meckauer) bzw. ihres Sohnes Dr. (Ing.) Löwenherz. Ab 1896 beherbergte es auch eine Gaststätte, die von W. Max betrieben wurde und unter dem Namen „Luisenzelt“ lief.

In den Zelten 9a wohnte 1905 und 1906 der Sekretär der französischen Botschaft, Jacques Seydoux (1870–1929), und hier wurde auch sein Sohn François Seydoux de Clausonne (1905–1981) geboren, der nach dem Zweiten Weltkrieg im französischen Außenministerium die Europaabteilung leitete und später französischer Botschafter in Bonn wurde.

Zur Geschichte des Hauses und seinen Bewohnern

Nachdem er bereits 1919 das Gebäude In den Zelten 10 / Beethovenstraße 3 erworben hatte, kaufte Magnus Hirschfeld im Februar 1921 auch das vierstöckige Mietshaus auf dem Grundstück In den Zelten 9a. Der Kaufpreis betrug 625.000 Mark. Vorheriger Eigentümer des Gebäudes war der Rechtsanwalt Dr. Arthur Löwenstein (1886–1944), der zusammen mit seiner Frau Edith geb. Schulz (1900–1944) für weitere Jahre als Mieter im Haus wohnen blieb, bevor das Ehepaar in die Lessingstraße 7 umzog. Beide wurden 1944 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Die im Erdgeschoss befindliche Gaststätte wurde zu einem Vortragssaal mit etwa 200 Sitzplätzen, dem späteren Ernst-Haeckel-Saal, umgebaut. Um die beiden aneinandergrenzenden Gebäude zu verbinden, wurden etliche Mauerdurchbrüche vorgenommen. Zudem wurde das Haus Nr. 9a um ein weiteres, fünftes Geschoss erhöht. Mieter im Haus In den Zelten 9a waren vor allem pensionierte Beamte und Offiziere.

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Christopher Isherwood, 1938. © National Media Museum @ Flickr Commons.
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Recha Tobias, o.J. © MHG, Berlin.
Magnus Hirschfelds älteste Schwester Recha Tobias, an die vor dem heutigen Haus der Kulturen der Welt ein Stolperstein erinnert, bezog in einer der Etagen eine große Wohnung, deren hinteren Trakt sie selbst nutzte, während sie die vorderen Zimmer vermietete. Durch eine Verbindungstür zwischen ihrer Wohnung und dem Institutsgebäude war sie im Institutsbetrieb durchaus präsent. Recha Tobias war es auch, die den Institutsangestellten im Frühjahr 1932 die Nachricht überbrachte, dass ihr Bruder von seiner Weltreise nicht nach Berlin zurückkehren werde. Magnus Hirschfeld hatte ihr zuvor brieflich eine entsprechende Mitteilung zukommen lassen.

Zu den bekanntesten Untermietern von Recha Tobias gehörten der Schriftsteller Christopher Isherwood (1904–1986) und der Archäologe Francis Turville-Petre (1901–1942). 1976 hielt Isherwood in seinem Erinnerungsbuch Christopher and His Kind über seine ehemalige, über 70-jährige Vermieterin fest: „Sie lebte irgendwo weitab im rückwärtigen Teil der Wohnung, auf einer Lichtung innerhalb eines Schwarzwalds von Möbelstücken. Falls ihr hin und wieder Beischlafgeräusche ans Ohr drangen, dann beschwerte sie sich nie. Vielleicht war sie im Prinzip sogar damit einverstanden – schließlich war sie ja Hirschfelds leibliche Schwester.“ Auch über andere Personen im Umfeld Hirschfelds berichtete Isherwood. So schrieb er rückblickend über sich selbst in der dritten Person und Karl Giese: „Christopher sah in ihm den derben Bauernjungen mit dem Herzen eines Mädchens, der sich vor langer Zeit in Hirschfeld, seine Vaterfigur, verliebt hatte. Er nannte ihn ja auch ‚Papa‘.“

Recha Tobias musste ihre Wohnung In den Zelten 9a Ende 1933 verlassen. Am 17. August 1942 wurde sie mit dem „Ersten großen Alterstransport“ nach Theresienstadt deportiert, wo sie kaum sechs Wochen nach ihrer Ankunft am 28. September 1942 ums Leben kam.

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Bislang hat sich nicht ermitteln lassen, wo genau die abgebildete Figur am Rand der Straße In den Zelten stand. Aus: Königswald 1938.
In einer anderen Etage des Hauses Nr. 9a wohnte der KPD-Politiker und Verleger Willi Münzenberg (1899–1940) mit seiner Lebensgefährtin Babette Gross (1898–1980), die als Verlegerin des Neuen Deutschen Verlags auch mit ihm zusammenarbeitete. Auf derselben Etage wohnte ferner der KPD-Politiker und Chefredakteur der Parteizeitung Die Rote Fahne, Heinz Neumann (1902–1937), neben dem indisch-bengalischen Philosophen Manabendra Nath Roy (1887–1954), der heute als Begründer des radikalen Humanismus in Indien gilt, und dessen damaliger Partnerin Luise Geissler (1899–1973), einer späteren Freundin von Indira Gandhi. Zwei Zimmer gehörten Münzenberg und Gross, eins Roy und Geissler, und – wie Margarete Buber-Neumann später schrieb – „in einem schmalen langen Raum, den man vom Treppenhaus direkt betrat, wohnte Neumann. Die Küche dieser gemeinsamen Wohnung beherrschte Frau Krüger, ein echtes Berliner Faktotum.“

Zeitweise wohnten auch die Philosophen Ernst Bloch (1885–1977) und Walter Benjamin (1892–1940) in dem Haus. Es heißt, In den Zelten 9a, in einem Gartenzimmer, habe Benjamin im Frühjahr 1928 einige glückliche Monate verbracht. Im Mai des Jahres schrieb er an einen Freund, dass er sich nur ungern von Berlin trennen wolle: „Da ist erstens mein Zimmer – und zwar ein neues, denn ich wohne für den Augenblick nicht im Grunewald sondern im tiefsten Tiergarten – In den Zelten – in einem Zimmer, in das durch beide Fenster nichts als Bäume zu mir hereinsehen. Es ist wunderbar und dabei zehn Minuten von der Staatsbibliothek entfernt, dem anderen Brennpunkt der Ellipse, die mich hier bannt.“

Auch die Malerin Toni Ebel war zeitweise offiziell unter der Anschrift In den Zelten 9a gemeldet. Sie wohnte im Souterrain, gehörte zum Dienstpersonal des Instituts für Sexualwissenschaft und bezahlte die geschlechtsangleichenden Maßnahmen, denen sie sich um 1930 unterzog, zum Teil mit von ihr gemalten Bildern. Weitere prominente Bewohner des Hauses waren die Tänzerin Anita Berber sowie die Schriftsteller Harry Domela (1904/5–1979), Peter Martin Lampel (1894–1965) und Ludwig Renn (1889–1979).


Weiterführende Literatur

Afken, Esra Paul und Raimund Wolfert [2022]: Toni Ebel 1881–1961, Malerin – eine Spurensuche. Eine Ausstellung der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. in Zusammenarbeit mit dem Sonntags-Club e.V., zuletzt eingesehen am 1. Mai 2026.

Benjamin, Walter (1978): Gesammelte Schriften. Briefe 1. Herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Gershom Scholem und Theodor W. Adorno. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag, S. 472.

Buber-Neumann, Margarete (1981): Von Potsdam nach Moskau. Stationen eines Irrweges. Hohenheim: Edition Maschke.

Dose, Ralf (2005): Magnus Hirschfeld. Deutscher – Jude – Weltbürger (Jüdische Miniaturen, 15). Teetz: Hentrich & Hentrich, S. 78-79.

Dose, Ralf (2021): Haus-, medizinisches und Verwaltungspersonal des Instituts für Sexualwissenschaft. In: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft Nr. 67, S. 9-32.

Gross, Babette (1991): Willi Münzenberg. Eine politische Biografie. Mit einem Vorwort von Arthur Koestler und einem Nachwort von Diethart Kerbs. Leipzig: Forum Verlag.

Isherwood, Christopher (1976): Christopher and His Kind 1929–1939. London: Eyre Methuen Ltd. [auf Deutsch: Isherwood, Christopher (1992): Christopher und die Seinen. Aus dem Englischen von Stefan Trossbach. Berlin: Bruno Gmünder].

Jeannesson, Stanislas (2005): Jacques Seydoux et la diplomatie économique dans la France de l’apres-guerre. In: Relations Internationales Nr. 121, S. 9-17.

Königswald, Harald von (1938): Das verwandelte Antlitz. Berlin: Kommodore Verlag, S. 81-120.

Ladwig-Winters, Simone/Rechtsanwaltskammer Berlin. Hrsg. (2022): Anwalt ohne Recht. Das Schicksal jüdischer Rechtsanwälte in Berlin nach 1933 (3. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage). Berlin-Brandenburg: be.bra verlag, S. 328.

Parker, Peter (2004): Isherwood. London: Picador.

Simonow, Joanna (2026): Sexing the history of Indian anti‐colonial internationalism: White women, Indian men and the politics of the personal. In: Gender & History (Jg. 38), Nr. 1, S. 207-223, online zugänglich hier.

Wolfert, Raimund [2013]: Recha Tobias geb. Hirschfeld, auf: stolpersteine-berlin.de, zuletzt eingesehen am 1. Mai 2026.