In den Zelten 8


Das Haus In den Zelten 8 war 1871/72 von einem Architekten namens Jonas errichtet worden. 1882 zog der Buchdrucker Eduard Krause (1816–1882) zusammen mit seiner Familie hier ein. Krause druckte seinerzeit die linksliberale National-Zeitung und das politisch-satirische Wochenblatt Kladderadatsch, er hatte einst auch an der 1848er Revolution teilgenommen. In den Zelten 8 lebte Krause nicht lange. Denn schon wenige Monate nach seinem Umzug erlitt er hier einen „Brustkrampf“ – gemeint war offenbar ein Herzinfarkt –, dem er zwei Tage später erlag.
40 Jahre später, in den 1920 und 1930er Jahren, befanden sich in dem Gebäude zwei Privatkliniken, die unter den Namen „Frauenklinik weiblicher Ärzte“ und „Tiergarten-Klinik“ firmierten. In der letzteren hatten mehrere Ärzte des benachbarten Instituts für Sexualwissenschaft Belegbetten, und hier fanden die geschlechtsangleichenden Operationen statt, denen sich Dora Richter, Toni Ebel und Charlotte Charlaque um 1930 unterzogen.
Eine entsprechende ärztliche Erklärung für Charlotte Charlaque unterzeichnete „Dr. Salomon“, Vorname unbekannt. Es dürfte sich um eine Frau gehandelt haben, doch hat sich die Identität von Dr. Salomon noch nicht mit Sicherheit ermitteln lassen. Möglicherweise handelte es sich um Dr. Else Salomon, die einzige Ärztin namens Salomon, die 1929 im Reichs-Medizinalkalender für Berlin aufgeführt wurde. Sie wurde 1924 approbiert.
Zur Biografie der Hauseigentümerin Charlotte Heymann
Eigentümerin des Hauses Nr. 8 war um 1930 die früh verwitwete Charlotte Heymann (1887–1943), die am 12. März 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Über ihren Lebensweg ist nur wenig bekannt. Charlotte Heymann wurde 1887 als Charlotte Kremenezky in Wien geboren. Sie war seit 1909 mit Dr. Hans Gideon Heymann (1882–1918) verheiratet, der im Bankhaus seines Onkels Emil Heymann tätig war, und wohnte bis zuletzt unter der Adresse In den Zelten 8. Das Paar hatte drei Kinder: Gideon Jochanaan (1910–1992), Joseph Rafael (1913–1975) und Hans Alexander (1917–2002), die alle nach Südamerika emigrieren konnten und dort die Shoah überlebten.
Weiterführende Literatur
Carstens, Cornelia (1999): Eine Klinik weiblicher Ärzte, in: Carstens, Cornelia, Stefanie Höver, Stephanie von Ow, Heike Stange und Rita Wolters (Hrsg.): Frauen an der Spree: Ein Spaziergang durch die Geschichte. Berlin-Brandenburg: be.bra verlag, S. 104-106.
Curtius, Carlotta Baronin von (1955): Reflections on the Christine Jorgenson Case, in: One. The Homosexual Magazine (Jg. 3), Nr. 3, S. 27-28, zuletzt eingesehen 2. April 2026.
Kiradi, Karin (2024): Johann Kremenezky (1848–1934). Begründer der österr. Glühlampenindustrie, Zionist, zuletzt eingesehen 2. April 2026.
Stiftung Jüdisches Museum Berlin: Sammlung Familie Heymann, zuletzt eingesehen 2. April 2026.
Wernicke, Kurt (1998): Als Unternehmer auf der Barrikade, in: Berlinische Monatsschrift (Luisenstädtischer Bildungsverein) Nr. 9, S. 21-31, zuletzt eingesehen 2. April 2026.
Wolfert, Raimund (2021): Charlotte Charlaque. Transfrau, Laienschauspielerin, „Königin der Brooklyn Heights Promenade“. Berlin/Leipzig: Hentrich & Hentrich.
