Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

In den Zelten 23

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In den Zelten 23, um 1935. Fotograf: Walter Köster. © MHG, Berlin.

Das Haus In den Zelten 23 war ursprünglich als Übergangswohnung für den Reichstagspräsidenten erbaut worden, wurde von diesem jedoch nie genutzt. Um 1877 bezog das Ehepaar Carl und Felicie Bernstein die gesamte zweite Etage, die aus zwölf Zimmern bestand und sich auf knapp 400 Quadratmeter erstreckte. Die Bernsteins stammten gebürtig aus Russland und waren jüdischen Glaubens. Carl Bernstein (1842–1894) war Jurist, seine Frau Felicie geb. Rosenthal (1892–1908) die Tochter eines Bankiers. In den Zelten 23 unterhielt das Ehepaar, das sich nach ausgedehnten Reisen 1873 in Berlin niedergelassen hatte, einen literarischen Salon, in dem zahlreiche Intellektuelle der Kaiserzeit verkehrten. Zu ihren Gästen zählten Musiker wie Joseph Joachim und Richard Strauss, Maler wie Max Klinger, Adolph von Menzel und Max Liebermann, der Theaterleiter Otto Brahm, die Historiker Ernst Curtius und Theodor Mommsen sowie Kunsthistoriker wie Wilhelm von Bode, Friedrich Lippmann und Hugo von Tschudi. Etliche von ihnen wohnten in der direkten Nachbarschaft.

Zur weiteren Geschichte des Hauses und seiner Bewohner

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Die historische Flagge von Siam (1855–1916). © Wikipedia, gemeinfrei.
Aus gesundheitlichen Gründen gaben die Bernsteins 1891 ihre Wohnung und ihren Salon In den Zelten auf. Wenige Jahre später (1895) befand sich die Gesandtschaft des Königreichs Siam, dessen Staatsgebiet in etwa dem des heutigen Thailand entsprach, In den Zelten 23, und 1909 mietete Joseph Pulitzer (1847–1911), der ungarisch-amerikanische Verleger und Stifter des Pulitzer-Preises, das Haus mit der Absicht, sich dort auf unbestimmte Zeit niederzulassen. Heute ist indes unbekannt, ob und wie lange er dort wohnte.

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Der Eingang zum Haus Nr. 23. Aus: Königswald, 1938.
Im Herbst 1909 berichteten amerikanische Zeitungen, dass Pulitzer täglich im Berliner Tiergarten reite und häufig die Oper und die Theater der Stadt besuche. Den bevorstehenden Winter wolle er aber in Kairo verbringen. Spätestens ab 1890 litt Joseph Pulitzer unter erheblichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Er war praktisch blind, und eine Krankheit machte ihn so geräuschempfindlich, dass er die letzten zwei Jahrzehnte seines Lebens überwiegend in schalldichten „Gewölben“ verbrachte, wie er sie nannte: an Bord seiner Yacht Liberty, im „Tower of Silence“ in seinem Ferienanwesen in Bar Harbor (Maine), und in seiner New Yorker Villa. Joseph Pulitzer starb 1911 in Charleston (South-Carolina). Der nach ihm benannte Pulitzer-Preis wird seit 1917 vergeben und ist nach wie vor der wichtigste US-amerikanische Literaturpreis der Gegenwart.


Weiterführende Literatur

Anonym (1909): Joseph Pulitzer Takes a House in Berlin with the Intention of Residing There Indefinitely, in: The New York Times, 26. September 1909.

Anonym (1909): Joseph Pulitzer May Go to Cairo, in: The New York Times, 17. Oktober 1909.

Bilski, Emily D., Viktoria Krieger, Chana Schütz und Evelyn Wöldicke. Hrsg. (2025): Berlin Cosmopolite. Die versunkene Welt von Felicie und Carl Bernstein (Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Liebermann-Villa am Wannsee, 24. Mai – 8. September 2025). München: Hirmer.

Königswald, Harald von (1938): Das verwandelte Antlitz. Berlin: Kommodore Verlag, S. 81-120.

Wehry, Katrin (2019): Quer durchs Tiergartenviertel. Das historische Quartier und seine Bewohner. Petersberg: Michael Imhof Verlag, S. 84-85.