In den Zelten 22


Vom Haus In den Zelten 22 hat sich bislang noch kein Foto ermitteln lassen. Wenn die Adresse trotzdem im Rahmen dieses kommentierten „Bilderbogens“ erscheint, dann vor allem, weil hier von 1925 bis 1937 der homosexuelle Rechtsanwalt. Dr. Kurt Gudell (1898–1964) wohnte. Gudell stammte gebürtig aus dem Raum Bromberg (heute Bydgoszcz, Polen) und legte 1921 sein juristisches Doktorexamen ab. Über seine Beziehungen zu Magnus Hirschfeld, dem Institut für Sexualwissenschaft und dem Wissenschaftlich-humanitären Komitee (WhK) liegen heute keine Unterlagen vor. Belegt ist aber, dass Gudell mit seinem Berufskollegen Fritz Flato (1895–1949), dem juristischen Berater des WhK, in Kontakt stand.
Gudell wurde 1934 erstmals verhaftet, weil ihm gleichgeschlechtliche Handlungen nachgewiesen werden konnten. Die mehrmonatige Strafe verbüßte er unter anderem im KZ Lichtenburg. Eine weitere Verurteilung und Gefängnisstrafe folgte 1937. Im Zuge dessen wurde ihm sein Doktortitel aberkannt, und später verlor er auch die deutsche Staatsbürgerschaft. In seine ehemalige Wohnung In den Zelten 22 zog Ilse Göring (1898–1972), die vor 1932 Schwägerin von Hermann Göring gewesen war. Nach der Rückkehr aus der Emigration kämpfte Gudell in der jungen Bundesrepublik um Wiedergutmachung und seine Rehabilitierung. Er lebte in dieser Zeit vorrangig von Sozialhilfe. 1954 wurde er als ehemaliger politisch Verfolgter anerkannt, und zwei Jahre später gelang es ihm, den Doktortitel zurückzuerlangen.
Unter der Anschrift„ In den Zelten 22“ wohnte um 1930 auch der Wissenschaftsfunktionär und Geschäftsführer des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) Adolf Morsbach (1890–1937), der 1934 als homosexueller Mann im Zuge der „Röhm-Affäre“ verhaftet und vorübergehend im KZ Dachau festgehalten wurde. Nach der Rückkehr aus dem Lager zog er sich als „gebrochener Mann“ ins Privatleben zurück und verstarb knapp zwei Jahre später.
Weiterführende Literatur
Hergemöller, Bernd-Ulrich (2010): Gudell, Kurt, in: ders. (Hrsg.): Mann für Mann. Biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und mannmännlicher Sexualität im deutschen Sprachraum (Bd. 1). Berlin/Münster: Lit, S. 461-462.
Pretzel, Andreas. Hrsg. (2002): NS-Opfer unter Vorbehalt. Homosexuelle Männer in Berlin nach 1945 (Berliner Schriften zur Sexualwissenschaft und Sexualpolitik, 3). Münster, Hamburg, London: Lit, S. 86-89 und weitere
Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen. Hrsg. (2015): Persönlichkeiten in Berlin 1825–2006. Erinnerungen an Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen. Berlin: Selbstverlag, S. 34-35.
Tamaschke, Elisa (2024): „Viele Wege führen zu Ihnen, Rom Landau.“ Eine Wiederentdeckung aus dem Nachlass Georg Kolbes – Eröffnungsvortrag der Forschungs- und Vortragsreihe „Von den Rändern. Wiederentdeckte Leben aus Archiven“ im Berliner Georg Kolbe Museum, Videomitschnitt auf: youtube (52 Minuten, 7 Sekunden).
