In den Zelten 21


Das Haus In den Zelten 21 war 1885 von dem Architekten und Königlichen Baurat Christian Heidecke (1837–1925) errichtet worden. Es diente ab dem Frühjahr 1887 dem Ehepaar Mathilde und Otto Wesendonck als Wohnung. Ihr Heim bildete einen beliebten Treffpunkt der Berliner Gesellschaft und beherbergte eine bedeutende Kunstsammlung, die ab 1902 auch öffentlich zugänglich war.
Mathilde Wesendonck (1828–1902) und ihr Ehemann, der Kaufmann Otto Wesendonck (1815–1896), waren bedeutende Mäzene, und insbesondere ihr kam als Muse des Komponisten Richard Wagner große Bedeutung zu. Wagner vertonte um 1857 fünf ihrer Gedichte, die später als „Wesendonck-Lieder“ berühmt wurden. Auch die Entstehung der Oper „Tristan und Isolde“ (1865) ist ohne Mathilde Wesendonck nicht zu denken.
Zur weiteren Geschichte des Hauses und seiner Bewohner


Später befand sich der „Reichsklub der Deutschen Volkspartei“ in dem Gebäude, ein Berliner Sammelpunkt für Mitglieder der nationalliberalen Deutschen Volkspartei (DVP) in der Weimarer Republik. Belegt ist unter der Adresse auch die Existenz eines „Humboldt-Klubs“, in dessen Namen der Ökonom Walter Holz eine Getränkekarte erstellt hat.
Ab etwa 1930 wohnte die Schriftstellerin und Förderin früher expressionistischer Dichter Käthe Brodnitz (später Käthe Fröhlich, 1884–1971) zusammen mit ihrer Familie In den Zelten 21. Brodnitz, deren Vater einst in Berlin-Wedding die Maschinenfabrik Brodnitz & Seydel gegründet hatte, studierte in Freiburg/Breisgau und München Englisch, Französisch und Literaturwissenschaften und promovierte 1912. Sie war mit etlichen namhaften Expressionisten und Literaten ihrer Zeit befreundet. Bereits im Jahr 1913 hielt sie sich erstmals für längere Zeit in den USA auf, um an den Universitäten in New York und Massachusetts Literaturwissenschaft zu lehren. 1938 emigrierte Käthe Fröhlich zusammen mit ihrer Tochter Lieselotte (1920–?) in die USA, wo sie unter anderem als Sprachlehrerin arbeitete. Ihr Mann Theodor Fröhlich (1874–1944) kam im Ghetto Theresienstadt ums Leben, der gemeinsame Sohn Klaus Theodor Fröhlich (1918–1945) wurde im Konzentrationslager Buchenwald erschossen. An Käthe Brodnitz’ Schwestern Frieda und Gertrud erinnert in Berlin-Steglitz je ein Stolperstein.
Ursprünglich hatte auf dem Grundstück In den Zelten 21–22 die Beer’sche Villa gestanden – das Elternhaus des Komponisten Giacomo Meyerbeer (eigentlich Jakob Liebmann Meyer Beer, 1791–1864), der hier auch einige seiner Opern komponiert hatte. Nach ihm sollte 1872 auf Vorschlag des Berliner Polizeipräsidiums die benachbarte Beethovenstraße benannt werden („Meyerbeerstraße“). Der Vorschlag wurde aber abgelehnt.
Weiterführende Literatur
Aufenanger, Jörg (2007): Richard Wagner und Mathilde Wesendonck. Eine Künstlerliebe. Düsseldorf: Patmos-Verlag.
Funke, Christoph (1996): Max Reinhardt (Köpfe des 20. Jahrhunderts, 130). Berlin: Morgenbuch Verlag.
Koordinierungsstelle Stolpersteine in Berlin: Familie Brodnitz, zuletzt eingesehen am 2. Mai 2026.
Reinhardt, Max (1989): Ich bin nichts als ein Theatermann. Briefe, Reden, Aufsätze, Interviews, Gespräche. Hrsg. von Hugo Fetting. Berlin: Henschel.
Wall, Renate (2004): Lexikon deutschsprachiger Schriftstellerinnen im Exil. 1933 bis 1945. Gießen: Haland & Wirth, S. 54ff.
