Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

In den Zelten 2

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Berlin-Tiergarten, Zelten. Hist. Postkarte, gelaufen 1925.

Das „Zelt 2“ war seinerzeit das feinste und vornehmste Zelt in Berlin: Das massive, zweigeschossige Gebäude mit Seitenflügeln trug den Namen „Kaiser-Wilhelm-Zelt“. Hier soll es schon um 1870 das beste Bier der Stadt gegeben haben. Nach 1900 gab es fast täglich Konzerte, und es wurde zum Tanz aufgespielt. Besonders am Wochenende standen oder saßen dann viele Berliner und Berlinerinnen unter den Bäumen im nahen Tiergarten und lauschten der Musik. Sie sparten dabei das Eintrittsgeld, verzehrten Mitgebrachtes und verbrachten angenehme und kurzweilige Stunden.

Ein Ort (nicht nur) volkstümlicher Vergnügungen

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Zeitgenössische Zeichnung eines Konzerts „In den Zelten“. Aus dem „Vorwärts“ 1924, unbekannter Illustrateur.
Das „Kaiser-Wilhelm-Zelt“ hatte seinen Namen nach einer 1870 im Garten aufgestellten überlebensgroßen Büste Kaiser Wilhelms I. erhalten. Auf der Rückseite des Gebäudes gab es zunächst eine zweigeschossige Galerie, von der die Besucher und Besucherinnen im Winter dem Treiben der Schlittschuhläufer auf der Spree folgen konnten. Doch nachdem die Galerie baufällig geworden war, wurde sie 1877 abgerissen. Die volkstümliche Berliner Schriftstellerin und Vortragskünstlerin Adelheid („Heide“) Sachs (1875–1960) ist in ihren Kindheitserinnerungen auch auf das „Kaiser-Wilhelm-Zelt“ zu sprechen gekommen. Hier gab es als besondere Attraktion für Kinder einen kleinen Garten mit den Alpen en miniature, einem künstlichen Wasserfall und kauernden Heinzelmännchen.

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Eine Nachtaufnahme von „Zelt 2“. Hist. Postkarte, gelaufen 1927.
In den 1880er Jahren hieß der Wirt des „Kaiser-Wilhelm-Zelts“ Julius Pickardt. Später, wohl von 1902 bis 1912, war der „Restaurateur“ Franz Bechly Inhaber des Lokals. Er wurde offenbar 1867 geboren und gab sein Geschäft möglicherweise in Folge eines Beinbruchs, den er sich Ende 1909 zugezogen hatte, auf. Neuer Wirt und Inhaber des „Kaiser-Wilhelm-Zelts“ in der Nachfolge Bechlys war Adolf Neuendorff. Über seinen Lebensweg liegen keine weiteren Angaben vor. In den 1920er Jahren fanden im „Zelt 2“ auch größere Ball-Veranstaltungen des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK) statt. Zudem fungierte das Lokal von 1922 bis 1933 als Ausweichquartier für das legendäre Tanz-Café „Hollandais“ unter dem Hochbahnbogen in der Bülowstraße 69. Wenn dort die Räume für Veranstaltungen nicht ausreichten, wich man in das „Zelt 2“ am Rande des Tiergarten aus.

1940 wurde die Gaststätte In den Zelten 2 dann von den Nationalsozialisten gegen Entschädigung beschlagnahmt und zu einem sogenannten Italienerlager umfunktioniert. Seit 1938 waren zahllose Land-, Industrie- und Bauarbeiter aus Italien nach Deutschland geholt und hier zur Arbeit zwangsverpflichtet worden. Viele von ihnen wurden nun hier untergebracht.


Weiterführende Literatur

Grajek, Sigrid und Raimund Wolfert (2018): Wer war Heide Sachs? Eine literarisch-biografische Spurensuche. In: Mittteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft Nr. 61/62, S. 31-35.

Kubatzi, Rainer (2000): Topographie und Nutzungsgeschichte der 700 Zwangsarbeiterlager in und um Berlin, in: Meyer, Winfried und Klaus Neitmann (Hrsg.): Zwangsarbeit während der NS-Zeit in Berlin und Brandenburg. Formen, Funktion und Rezeption. Potsdam: Verlag für Berlin-Erandenburg, S. 89-110, hier S. 103.

Sachs, Adelheid (1914): In den Zelten. Kindheits-Erinnerungen von Adelheid Sachs. In: Groß-Berliner Kalender. Illustriertes Jahrbuch Nr. 2, S. 124-128.