In den Zelten – eine Straße in Berlin


Das von Magnus Hirschfeld gegründete und betriebene Institut für Sexualwissenschaft befand sich von 1919 bis 1933 unter der Anschrift „In den Zelten 10“ in einem Berliner Stadtviertel, das es heute nicht mehr gibt. Die Straße In den Zelten lag bis in die 1940er Jahre in der Mitte Berlins, das gesamte Viertel brannte nach einem Luftangriff vom 22. auf den 23. November 1943 aus, und die Ruinen seiner noblen Bebauung wurden nach dem Zweiten Weltkrieg abgetragen. Selbst das meiste urkundliche Material zu den Bauwerken des Viertels fiel im Krieg der Vernichtung anheim. Mit diesem Projektauftritt – einem kommentierten „Bilderbogen“ historischer Fotografien, Postkarten, Grafiken und Karten – wollen wir den Berliner Stadtbereich, in dem das Institut für Sexualwissenschaft einst stand, wieder erlebbar machen.
Die „Zelten“ im Wandel der Zeiten
Der historische Straßenname „In den Zelten“ am Rande des Berliner Tiergartens geht auf den Umstand zurück, dass hier einst Leinenzelte standen. Mitte des 18. Jahrhunderts hatte der preußische König Friedrich II. (1712–1786) hugenottischen Flüchtlingen die Erlaubnis erteilt, in den Sommermonaten Erfrischungsgetränke auf dem Gelände anzubieten. Bedingung war allerdings, dass der Verkauf aus Zelten erfolgte, die im Winterhalbjahr wieder abgebaut werden mussten. Für eine feste Bebauung schien die Gegend zunächst wenig geeignet. Ein in der Nähe angelegter Exerzierplatz wurde wegen seiner sandigen Beschaffenheit „Wüste Sahara“ genannt, das Gelände von ihm zum Gondelhafen an der Spree bestand zu großen Teilen aus feuchten Wiesen.


Das Institut für Sexualwissenschaft in der ehemaligen Villa Joachim lag etwa mittig an der Straße In den Zelten. Auf der nachfolgenden Luftaufnahme von 1935 sind der nordöstliche Teil der Straße und der benachbarte Gebäudekomplex der Krolloper zu sehen. Das Institut Magnus Hirschfelds befand sich links neben der sehr kurzen Beethovenstraße, die von den „Zelten“ zur Spree führte. Es war das einzige Gebäude an diesem Teil der Straße, das nie eine Aufstockung erfahren hat. Deutlich wird auf dem Foto die unmittelbare Nähe des Instituts zur Krolloper, in der am 7. März 1933 – gut eine Woche nach dem Reichstagsbrand – die Umbauarbeiten für die Sitzungen des Reichstags begannen. Wiederum zwei Monate später, am 6. Mai 1933, wurde das Institut Hirschfelds geplündert. Die zentralen Mitarbeiter der Einrichtung wurden ins Exil getrieben und Teile der umfangreichen Bibliothek auf dem Berliner Opernplatz verbrannt. Eine Epoche der Aufklärung und der Liberalisierung war zu Ende.


Wegen seiner ruhigen Lage am Rand des Tiergartens war das Viertel gerade in seinen Anfangsjahren bei wohlhabenden Privatleuten, Beamten, Wissenschaftlern, Diplomaten und Künstlern recht beliebt. Später siedelten sich hier kapitalkräftige Industrielle, Behörden, Gesandtschaften und Gesellschaften an, wobei die von ihnen realisierten Aufstockungen vieler Gebäude und deren Umbauten bei den Zeitgenossen umstritten waren. Auch nach 1933 waren die Räumlichkeiten In den Zelten als Wohnungen bei Privilegierten und als Büros für Dienststellen sehr begehrt.


In den Zelten befanden sich um die vorletzte Jahrhundertwende die chinesische Gesandtschaft und die diplomatische Vertretung des Königsreichs Siam, hier gab es mehrere Kunstsalons, eine Schauspielschule Max Reinhardts und neben dem Institut für Sexualwissenschaft später auch eine „Frauenklinik weiblicher Ärzte“. Unter den Bewohnern und Bewohnerinnen der noblen Bebauung finden sich im Lauf der Zeiten so prominente Persönlichkeiten wie Bettina von Arnim, Otto Brahm, Max Liebermann, Giacomo Meyerbeer, Heinz Neumann, Joseph Pulitzer, Manabendra Nath Roy, Clara Schumann und Mathilde Wesendonck. Das Institut für Sexualwissenschaft Magnus Hirschfelds, das ab 1919 in der ehemaligen Villa des Violinisten Joseph Joachim (1831–1907) residierte, hatte eine illustre Nachbarschaft, die zu weiten Teilen jüdischer Herkunft war.
Die folgende Darstellung, die die Gebäude, ihre Bewohner und deren Geschichte im Einzelnen beleuchtet, will und kann keine abschließende Darstellung sein, sondern ist vielmehr als ein „work in progress“ gedacht. Neue Erkenntnisse sollen nach Möglichkeit ständig eingearbeitet werden, und deshalb wären wir auch für Hinweise auf Fehlendes und/oder Missverständliches dankbar. Vielleicht gelingt es uns einst einmal, ein gedrucktes Buch über die Straße In den Zelten und ihre Nachbarschaft vorzulegen!
Ein fotografischer Spaziergang
In den Zelten 1
Da der Tiergarten unter einer Art Landschaftsschutz stand, war es Gewerbetreibenden bis Mitte des 18. Jahrhunderts verboten, hier feste Gastwirtschaften zu errichten. Die beiden Hugenotten Messieurs Thomassin und Dortu waren die ersten, die eine Erlaubnis auf Errichtung von Sommerwirtschaften in Form von Zelten beantragten und genehmigt erhielten.
Nach und nach durften die „Traiteure“ (Speisewirte) feste Hütten anstelle ihrer Zelte errichten und auch in den Wintermonaten betreiben. So entstanden wetterfeste Unterkünfte, aus denen sich bis 1870 anspruchsvolle Großgaststätten entwickelten, die von bekannten Brauereien betrieben wurden. Für viele Berliner und Berlinerinnen gehörten „die Zelten“ und insbesondere Weißbier untrennbar zusammen.
…mehrIn den Zelten 2
Das „Zelt 2“ war seinerzeit das feinste und vornehmste Zelt in Berlin: Das massive, zweigeschossige Gebäude mit Seitenflügeln trug den Namen „Kaiser-Wilhelm-Zelt“. Hier soll es schon um 1870 das beste Bier der Stadt gegeben haben. Nach 1900 gab es fast täglich Konzerte, und es wurde zum Tanz aufgespielt. Besonders am Wochenende standen oder saßen dann viele Berliner und Berlinerinnen unter den Bäumen im nahen Tiergarten und lauschten der Musik. Sie sparten dabei das Eintrittsgeld, verzehrten Mitgebrachtes und verbrachten angenehme und kurzweilige Stunden.
…mehrIn den Zelten 3
Die Zelten galten als ein gehobenes Ausflugsziel. Zur Popularität der Lokale trug ab den 1830er Jahren auch die Dampfschiffverbindung auf der Spree bei, die den Ort mit Charlottenburg und Potsdam verband. Das Essen und die Getränke, die in den Lokalen angeboten wurden, wurden von den Zeitgenossen gleichermaßen gelobt wie spöttisch abgewertet. Das „Zelt 3“ war bis etwa 1907 als „Victoria-Zelt“ bekannt und wurde von dem „Restaurateur“ Carl Apel betrieben, später wurde es in „Schultheiss-Zelt“ umbenannt. Dessen Inhaber war der Ökonom Ferdinand Möller. Weder über Apel, noch über Möller liegen heute weiterführende Angaben vor.
…mehrIn den Zelten 4
Die erste Bebauung der Zelten begann um 1820. Anfang des 19. Jahrhunderts etablierte sich mit den Gaststätten in den Nummern 1 bis 4 eine ständige Wohnsiedlung in der Straße, die dadurch anerkannt wurde, dass diese am 1. Dezember 1832 den Namen „In den Zelten“ erhielt. Das „Zelt 4“ war zeitweise auch als „Webersches Lokal“ bekannt. Bis etwa 1912 wurde es von dem Inhaber Otto Krause betrieben, um 1914 öffnete hier die Löwenbrauerei ihren Ausschank, und noch später (um 1929) firmierte das Lokal auch als „Restaurant Pilsator“.
…mehrIn den Zelten 5
Um 1903 kam zu den vier „Zelten“ ein weiteres Lokal, das „Zelt 5“ hinzu, obwohl es sich gar nicht um ein Zelt handelte – und es auch nie eins gewesen war. Es wurde auch „Neues Zelt“ genannt. Die erste Inhaberin des Lokals, eine Witwe namens Pauly, führte in ihrem Garten Frühkonzerte ein, die sich großer Beliebtheit erfreuten. Anfang des 20. Jahrhunderts spielten hier meist kleinere Kapellen von bis zu sechs Musikanten, anschließend ging der Leiter durch die Reihen der Zuhörer und kassierte den für seine Zeit obligatorischen Groschen.
Um 1910 überließ die neue Eigentümerin Anna Piper das Erdgeschoss des „Neuen Zelts“ dem Konditor Rudolf Aweyde aus dem Nachbarhaus, damit er seinen Betrieb erweitern konnte. Dessen „Zelten-Conditorei“ erstreckte sich fortan über zwei benachbarte Gebäude. Nachdem das Haus Nr. 5a um ein fünftes Geschoss aufgestockt worden war, verkaufte Aweyde es an den Zentralverband der deutschen Bäckerinnung „Germania“, der es mittels eines Durchbruchs mit dem ebenfalls erworbenen Haus Nr. 6 verband.
…mehrIn den Zelten 5a
Unter der Anschrift „In den Zelten 5“ hatte einst die Schriftstellerin Bettina von Arnim (1785–1859) gewohnt. In dem Gebäude, das von dem Baumeister Heinrich Schellhorn errichtet worden war, entstand auch ihr Buch Goethes Briefwechsel mit einem Kinde (1835). Bettina von Arnim war ganze zwölf Jahre lang Mieterin des Hauses. Sie war seinerzeit nicht nur mit Johann Wolfgang von Goethe befreundet, auch persönliche Begegnungen mit Ludwig von Beethoven prägten sie und ihr Werk nachdrücklich.
Das nahe gelegene Bettina-von-Arnim-Ufer erinnert seit 1991 an die Schriftstellerin. Hier findet sich auch eine Berliner Gedenktafel, die darauf hinweist, dass Bettina von Arnim einst in dem Gebiet um die heutige Kongresshalle gewohnt hat: Ihr literarischer „Salon“ war „einer der kulturellen Mittelpunkte Berlins“. Das Schellhornsche Haus wurde 1877 abgerissen und das Grundstück in drei Parzellen, Nr. 5, Nr. 5a und Nr. 6, unterteilt.
…mehrIn den Zelten 6
Das Haus In den Zelten 6 errichtete der Architekt Robert Lorenz (1820–1886), seinerzeit einer der prominentesten und meistbeschäftigten Architekten Berlins, 1872/73 für sich selbst und seine Familie. Fünf Jahre später bebaute er die beiden Nachbargrundstücke Nr. 5 und 5a. Auch die Häuser In den Zelten 11 und 7 sowie die Häuser Beethovenstraße 1, 2 und 3 (In den Zelten 10) gingen auf Lorenz zurück. Nach 1887 wechselte das Haus Nr. 6 mehrfach den Besitzer, und um 1930 befand es sich im Besitz des Zentralverbands der Bäckerinnung „Germania“, der von hier seine Pensionskasse betrieb.
…mehrIn den Zelten 8
Das Haus In den Zelten 8 war 1871/72 von einem Architekten namens Jonas errichtet worden. 1882 zog der Buchdrucker Eduard Krause (1816–1882) zusammen mit seiner Familie hier ein. Krause druckte seinerzeit die linksliberale National-Zeitung und das politisch-satirische Wochenblatt Kladderadatsch, er hatte einst auch an der 1848er Revolution teilgenommen. In den Zelten 8 lebte Krause nicht lange. Denn schon wenige Monate nach seinem Umzug erlitt er hier einen „Brustkrampf“ – gemeint war offenbar ein Herzinfarkt –, dem er zwei Tage später erlag.
40 Jahre später, in den 1920 und 1930er Jahren, befanden sich in dem Gebäude zwei Privatkliniken, die unter den Namen „Frauenklinik weiblicher Ärzte“ und „Tiergarten-Klinik“ firmierten. In der letzteren hatten mehrere Ärzte des benachbarten Instituts für Sexualwissenschaft Belegbetten, und hier fanden die geschlechtsangleichenden Operationen statt, denen sich Dora Richter, Toni Ebel und Charlotte Charlaque um 1930 unterzogen.
…mehrIn den Zelten 9
Das Haus In den Zelten 9 wurde in den Jahren 1880/81 von dem Zimmermeister Ernst Müller aus der Ackerstraße 48 errichtet. Um 1929 wohnte unter anderem der Bankdirektor Fritz Heinrichsdorff (1874–1939) mit seiner Frau Annie geb. Mendelssohn (1883–1972) in dem Haus. Heinrichsdorff, dessen Familie aus dem Raum Kolberg (heute Kołobrzeg) stammte, war 1910 zum Prokuristen der Berliner Zentrale der Disconto-Gesellschaft ernannt worden, um zehn Jahre später zum Direktor der Gesellschaft befördert zu werden. Im Zuge der Fusion mit der Deutschen Bank 1929 wurde er zu einem der 13 Vorstandsmitglieder der neuen Deutschen Bank und der Disconto-Gesellschaft. Doch bereits 1932 ließ er sich in den vorzeitigen Ruhestand versetzen. Fritz Heinrichsdorff und seine Frau Annie, eine individualpsychologische Ärztin, wohnten bis 1933 In den Zelten 9. Ihre beiden Söhne besuchten die Schulfarm Insel Scharfenberg. Im nationalsozialistischen Deutschland wurde die Familie nach ihrer Übersiedlung nach Charlottenburg von staatlichen Verfolgungsmaßnahmen nicht verschont, so mussten auch sie eine „Judenvermögensabgabe“ entrichten.
…mehrIn den Zelten 9a und 10
Das Haus In den Zelten 9a wurde – ebenso wie das benachbarte Haus In den Zelten 9 – 1880 von dem Zimmermeister Ernst Müller aus dem Wedding erbaut. Von 1896 bis 1912 befand es sich im Eigentum der Witwe Olga Löwenherz (geb. Meckauer) bzw. ihres Sohnes Dr. (Ing.) Löwenherz. Ab 1896 beherbergte es auch eine Gaststätte, die von W. Max betrieben wurde und unter dem Namen „Luisenzelt“ lief.
In den Zelten 9a wohnte 1905 und 1906 der Sekretär der französischen Botschaft, Jacques Seydoux (1870–1929), und hier wurde auch sein Sohn François Seydoux de Clausonne (1905–1981) geboren, der nach dem Zweiten Weltkrieg im französischen Außenministerium die Europaabteilung leitete und später französischer Botschafter in Bonn wurde.
…mehrIn den Zelten 10 / Beethovenstraße 3
Am 16. April 1919 erwarb Magnus Hirschfeld die „Villa Joachim“ In den Zelten 10 / Ecke Beethovenstraße 3, die 1871/72 von dem Architekten Robert Lorenz (1820–1886) nach Plänen von Richard Lucae (1829–1877) errichtet worden war. Ihr erster Eigentümer war der Violinist und Komponist Joseph Joachim (1831–1907). Der Preis für das Gebäude und das Grundstück betrug 410.000 Mark, die Hirschfeld teils in bar, teils in Form von Hypotheken aufbrachte. 1921 erwarb er auch das Nachbargrundstück mit dem auf ihm befindlichen Mietshaus. Damit hatte er sein gesamtes Vermögen in den beiden Immobilien angelegt.
…mehrBeethovenstraße 1 und 2
Nachdem die Beethovenstraße 1868 von dem Grundstücksbesitzer Robert Lorenz (1820–1886) angelegt worden war, sollte sie zunächst den Namen Lorenzstraße bekommen. Das Berliner Polizeipräsidium schlug aber im Jahre 1872 den Namen Meyerbeerstraße vor, da der Komponist Giacomo Meyerbeer (eigentlich Jakob Liebmann Meyer Beer, 1791–1864) ganz in der Nähe gewohnt und hier einige seiner Opern komponiert hatte. Die kurze Straße, die als Verbindungsstraße zwischen der Straße In den Zelten und Kronprinzenufer (heute: John-Foster-Dulles-Alleee) angelegt wurde, erhielt dann aber 1873 ihren Namen nach Ludwig van Beethoven. Die Häuser Nr. 1 und 2 der Straße wurden von den Architekten Richard Lucae (1829–1877) und Robert Lorenz errichtet. Ihre Bewohner waren nicht so prominent wie die der Straße In den Zelten, doch fügten sie sich harmonisch in ihre Umgebung ein. Max Liebermann (1847–1935), der mit seiner Frau noch in den 1880er Jahren im Haus In den Zelten 11 gewohnt hatte, mietete hier um 1923 ein Atelier an. Auch der Bildhauer Ferdinand Lepcke (1866–1909) unterhielt hier eine Werkstatt.
…mehrIn den Zelten 11 / Beethovenstraße 4
Das Haus In den Zelten 11 direkt gegenüber von der Villa Joseph Joachims, in dem sich später das Institut für Sexualwissenschaft befand, nahm die gesamte Ostseite der 1868 neu angelegten Beethovenstraße ein. Hier wohnte von 1873 bis 1878 die Pianistin und Komponistin Clara Schumann (1819–1896), die von 1840 bis zu dessen Tod 1856 mit Robert Schumann verheiratet war. Sie begann ihre eigene Karriere früh und trug später maßgeblich zum Ruhm ihres Ehemannes bei. Da er wegen einer Behinderung der rechten Hand nicht selbst als Pianist auftreten konnte, interpretierte sie viele seiner Werke und machte ihn in ganz Europa bekannt. In ihrer Wohnung und in der benachbarten Villa Joachim gab Clara Schumann auch private Soireen.
…mehrIn den Zelten 18–20
Die letzten fünf, sechs Jahre, bevor Magnus Hirschfeld in die „Villa Joachim“ In den Zelten 10 / Ecke Beethovenstraße 3 zog, wohnte und praktizierte er als Spezialarzt unter der Adresse In den Zelten 19. Von etwa 1910 bis 1912 hatte er unweit von hier, im Haus Nr. 16, gewohnt und gearbeitet. In den Zelten 19 unterhielt Hirschfeld eine luxuriöse Mietwohnung, die er aufgab, um mit seinem Lebenspartner Karl Giese (1898–1938) eine Wohnung in der „Villa Joachim“ zu beziehen. Giese und Hirschfeld hatten sich um 1918 kennengelernt. Die beiden sollten bis zu ihrem Tod loyal zueinander stehen, wobei sich aus dem anfänglichen Liebesverhältnis bald auch eine produktive Arbeitsgemeinschaft entwickelte.
…mehrIn den Zelten 20
Unter dem Titel Entarteite „Kunst“ erschien ab 1937 im Berliner Verlag für Kultur- und Wirtschaftswerbung der gedruckte Führer zur gleichnamigen Ausstellung der Reichspropagandaleitung der NSDAP. Sie wurde am 19. Juli 1937 in München eröffnet, machte bis 1941 dann aber auch in anderen größeren Städten des damaligen Deutschen Reiches Station. Den Ausstellungsführer gibt es heute in drei Fassungen, die in Text und Bild jeweils leicht voneinander abweichen. Die dritte Fassung (1941) gibt im Impressum für den Verlag die Adresse „In den Zelten 20“ an.
…mehrIn den Zelten 21
Das Haus In den Zelten 21 war 1885 von dem Architekten und Königlichen Baurat Christian Heidecke (1837–1925) errichtet worden. Es diente ab dem Frühjahr 1887 dem Ehepaar Mathilde und Otto Wesendonck als Wohnung. Ihr Heim bildete einen beliebten Treffpunkt der Berliner Gesellschaft und beherbergte eine bedeutende Kunstsammlung, die ab 1902 auch öffentlich zugänglich war.
Mathilde Wesendonck (1828–1902) und ihr Ehemann, der Kaufmann Otto Wesendonck (1815–1896), waren bedeutende Mäzene, und insbesondere ihr kam als Muse des Komponisten Richard Wagner große Bedeutung zu. Wagner vertonte um 1857 fünf ihrer Gedichte, die später als „Wesendonck-Lieder“ berühmt wurden. Auch die Entstehung der Oper „Tristan und Isolde“ (1865) ist ohne Mathilde Wesendonck nicht zu denken.
…mehrIn den Zelten 21a
Das Haus In den Zelten 21a wurde von dem Architekten Gustav Hochgürtel erbaut, von dem auch das ehemalige „Warenhaus Rudolph Hertzog“ auf der Spreeinsel (Brüderstraße 26), einst das größte Warenhaus Berlins, und die Bötzow-Brauerei in Prenzlauer Berg (Prenzlauer Allee 242) stammen. In dem Haus wohnten unter anderem der Pressechef des preußischen Staatsministeriums Hans Goslar (1889–1945) und seine Frau Ruth Judith geb. Klee (1901–1942) mit ihrer kleinen Tochter Hannah Elisabeth (1928–2022).
1935 emigrierte die Familie Goslar, die jüdischen Glaubens war, nach England, wo der Vater allerdings keine Arbeit fand. Deshalb entschieden sich die Eltern, in die Niederlande zu gehen, um von dort nach Palästina überzusiedeln. Dazu kam es dann allerdings nicht mehr. In Amsterdam betrieben die Goslars eine Beratungsstelle für finanzschwache jüdische Flüchtlinge und freundeten sich unter anderem mit der Familie von Anne Frank (1929–1945) an. Insbesondere Hannah Elisabeth Goslar wurde später als die beste Freundin der etwa gleichaltrigen Anne Frank bekannt.
…mehrIn den Zelten 23
Das Haus In den Zelten 23 war ursprünglich als Übergangswohnung für den Reichstagspräsidenten erbaut worden, wurde von diesem jedoch nie genutzt. Um 1877 bezog das Ehepaar Carl und Felicie Bernstein die gesamte zweite Etage, die aus zwölf Zimmern bestand und sich auf knapp 400 Quadratmeter erstreckte. Die Bernsteins stammten gebürtig aus Russland und waren jüdischen Glaubens. Carl Bernstein (1842–1894) war Jurist, seine Frau Felicie geb. Rosenthal (1892–1908) die Tochter eines Bankiers. In den Zelten 23 unterhielt das Ehepaar, das sich nach ausgedehnten Reisen 1873 in Berlin niedergelassen hatte, einen literarischen Salon, in dem zahlreiche Intellektuelle der Kaiserzeit verkehrten. Zu ihren Gästen zählten Musiker wie Joseph Joachim und Richard Strauss, Maler wie Max Klinger, Adolph von Menzel und Max Liebermann, der Theaterleiter Otto Brahm, die Historiker Ernst Curtius und Theodor Mommsen sowie Kunsthistoriker wie Wilhelm von Bode, Friedrich Lippmann und Hugo von Tschudi. Etliche von ihnen wohnten in der direkten Nachbarschaft.
…mehrDie Krolloper
Nachdem der preußische König Friedrich Wilhelm IV. in Breslau den Kroll’schen Wintergarten kennengelernt hatte, wollte er in Berlin einen neuen Ort vornehmer Geselligkeit errichten lassen. In der Folge überließ er dem Unternehmer Joseph Kroll (1797–1848) ein Baugrundstück knapp außerhalb der Stadtgrenze. Nach weniger als einem Jahr Bauzeit wurde die schlossartige Anlage, die Platz für 5.000 Gäste bot, Anfang 1844 eröffnet. Sie wurde zunächst als volkstümliche Vergnügungsstätte geführt. Ein Opernhaus wurde sie erst achtzig Jahre später, als sie nach etlichen Umbauten vorübergehend zur zweiten Spielstätte der Berliner Staatsoper Unter den Linden wurde. Unter ihrem Direktor und Dirigenten Otto Klemperer (1885–1973) erlebte die Krolloper ab 1927 ihre glanzvollste Zeit, doch wurde sie bereits 1931 aus finanziellen Gründen wieder geschlossen. In Zeiten anhaltender Wirtschaftskrisen konnte sich Berlin drei Opernhäuser nicht leisten.
…mehrDas Generalstabsgebäude
Das Generalstabsgebäude wurde zwischen 1867 und 1871 nach einem Entwurf von dem Architekten und preußischen Militär-Baubeamten August Ferdinand Fleischinger (1804–1885) im Neorenaissance-Stil erbaut und nach dem Deutsch-Französischen Krieg vom Großen Generalstab bezogen. Von 1873 bis 1882 wurde der Bau auf dem nördlich gelegenen Gelände zwischen Herwarthstraße und Moltkestraße erweitert. Das Gebäude war zugleich der Dienstsitz des Chefs des Großen Generalstabs. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und durch die im Friedensvertrag von Versailles erzwungene Auflösung des Großen Generalstabs wurde das Generalstabsgebäude von Behörden wie dem Preußischen Innenministerium (ab 1934: Reichs- und Preußisches Ministerium des Innern) genutzt.
…mehrHinter den Zelten
Die Straße Hinter den Zelten erstreckte sich von der Moltkebrücke im Osten bis zum Gondelanlegeplatz an der Spree im Westen. Hier befand sich das Kistenmachersche Etablissement, das auch „Spreezelt“ genannt wurde. Es gehörte anfangs dem Hofschneider Johann Simon Freytag und galt als sehr feines Lokal. Freytag ließ sich das Gebäude später als Altersruhesitz umbauen. An dem unweit gelegenen Gondelanlegeplatz machte seit 1817 das erste Dampfschiff Preußens, die „Prinzessin Charlotte“, auf seinen Fahrten von Berlin nach Potsdam Halt. Ein Dampfschiff verband den Ort auch mit Charlottenburg.
…mehrIm Nachgang des Instituts für Sexualwissenschaft








Vor dem Haupteingang zum Haus der Kulturen der Welt (HKW), das in seinem unteren Foyer eine „Hirschfeld Bar“ betreibt, erinnern des Weiteren zwei Stolpersteine an Magnus Hirschfelds älteste Schwester Recha Tobias und an Hirschfelds Lebensgefährten Karl Giese, die beide im Institut für Sexualwissenschaft bzw. in dessen Nachbargebäude wohnten. Die Initiative für die Verlegung der Steine, die in den 2010er Jahren erfolgte, ging – wie im Fall der Gedenkstele von 1994 – aus der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft hervor. Darüber hinaus gibt es heute nur noch wenige Spuren, die an die Straße In den Zelten und das benachbarte Wohnviertel erinnern.
Geführte Stadttouren


Der vorliegende Webauftritt zur Straße In den Zelten ist auch in Ergänzung zu den Führungen Rafael Nasemanns als ein Versuch gedacht, das zerstörte Viertel um das einstige Institut für Sexualwissenschaft im virtuellen Raum wieder sichtbar zu machen.
Weiterführende Literatur
Doege, Hans-Peter (1999): Ein Erbspicknick „In den Zelten“, in: Berlinische Monatsschrift, Nr. 11, S. 11-20, online zugänglich hier.
Eichhorn, Maria (2015): In den Zelten 4 / 5 / 5A / 6 / 7 / 8 / 9 / 9A / 10, Kronprinzenufer 29 / 30, Beethovenstrasse 1 / 2 / 3 (1832 bis / to 1959) > John-Foster-Dulles-Allee 10 (seit / since 1959), Berlin. Publikation anlässlich des Ausstellungsprojekts Wohnungsfrage (23. Oktober bis 14. Dezember 2015). Berlin: Ruksaldruck GmbH und Co. KG.
Genske, Dieter D. und Ernest Hess-Lüttich (2004): Wo steht das Kanzleramt? Der Spreebogen – eine raum-zeitliche Spurensuche. Berlin: Berlin Edition, S. 65-77.
Goertz, Heinrich, Siegfried Kiok und Kurt Pomplun (1976): In den Zelten. Vergnügen im Tiergarten. Eine Ausstellung im Haus am Lützowplatz, in Zusammenarbeit mit Neue Heimat Berlin (Dezember 1976 bis Februar 1977). Berlin: Haus am Lützowplatz.
Königswald, Harald von (1938): Das verwandelte Antlitz. Berlin: Kommodore Verlag, S. 81-120.
Kuhn, Waldemar (1965): Robert Lorenz und die Straße In den Zelten, in: Jahrbuch für brandenburgische Landesgeschichte (Jg. 16), S. 86-96.
Lais, Sylvia und Hans-Jürgen Mende. Hrsg. (1994): Lexikon Berliner Straßennamen. Berlin: Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung.
Landes, Brigitte (2024): Die verschwundene Stadt. Im Tiergartenviertel (Insel-Bücherei, 1539). Berlin: Insel Verlag.
Nachama, Andreas und Ulrich Eckhardt (2017): Jüdisches Berlin. Mit Feuilletons von Heinz Knobloch und Fotografien von Elke Nord. Wien: Mandelbaum Verlag, S. 301-302.
Pappenheim, Hans E. (1963): In den Zelten – durch die Zeiten: Kulturgeschichte am Tiergartenrand 1740–1960, in: Jahrbuch für brandenburgische Landesgeschichte (Jg. 14), S. 110-133.
Rodenberg, Julius (1882): In den Zelten, in: Ders.: Bilder aus dem Berliner Leben (3 Bände). Berlin: Paetel, 1885–87, online zugänglich hier.
Sachs, Adelheid (1914): In den Zelten. Kindheits-Erinnerungen von Adelheid Sachs, in: Groß-Berliner Kalender. Illustriertes Jahrbuch (Jg. 2), S. 124-128.
Ein Dokumentationsprojekt der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft
Beteiligte Mitarbeiter_innen: Raimund Wolfert
(work in progress)
Berlin, Mai 2026; letzter Stand: 3. Juni 2026.
